Kabinenpredigt bei RB Leipzig

Kabinenpredigt bei RB Leipzig: „Traut Euch!”: So redet Rangnick seine Spieler stark

Leipzig - Halbzeit-Ansprachen zählen zu den Herausforderungen des Fußballlehrer-Berufs. Führt ein Team, gilt es, das Feuer auch in der Kabine am Lodern zu halten. Liegt die Mannschaft zurück, so wie RB Leipzig beim 1:1 (0:1) gegen den SC Freiburg am Donnerstagabend, brauchen die Spieler Motivation und Druck ebenso wie konkrete ...

Von Ullrich Kroemer

Halbzeit-Ansprachen zählen zu den Herausforderungen des Fußballlehrer-Berufs. Führt ein Team, gilt es, das Feuer auch in der Kabine am Lodern zu halten. Liegt die Mannschaft zurück, so wie RB Leipzig beim 1:1 (0:1) gegen den SC Freiburg am Donnerstagabend, brauchen die Spieler Motivation und Druck ebenso wie konkrete Lösungsmöglichkeiten.

Die Kabine eines Profiteams, Maschinenraum der Fußballfabrik, ist normalerweise für die Öffentlichkeit tabu. RB-Trainer und –Sportdirektor Ralf Rangnick jedoch gab am Tag nach dem Spitzenspiel der 2. Liga überraschend viel davon preis, was sich in der Pause im Umkleidetrakt der „Roten Bullen” abspielte.

„Hosen voll”

RB war gegen den Bundesligaabsteiger nicht gut ins Spiel gekommen. Von der erhofften Dominanz war in der ersten halben Stunde wenig zu sehen. Rangnick sprach später von „Angsthasenfußball” und dass sein Team „25 Minuten lang die Hosen voll” gehabt hätte. „Es sind klare Worte in der Kabine gefallen”, sagte Rechtsverteidiger Georg Teigl nach der Partie. Rangnick erklärte nun: „Was auf dem Feld passiert, spielt sich zu einem Großteil zwischen den Ohren ab.” Umso wichtiger sei daher die „Nachjustierung in der Halbzeitansprache” gewesen.

Einerseits versuchte Rangnick seinem jungen Team (Durchschnittsalter: 24 Jahre) die Last von den Schultern zu nehmen: „Es ging darum, den Jungs klar zu machen, dass das zwar ein wichtiges Spiel ist, es aber nicht um Leben um Tod geht. Es handelt sich immer noch um ein Fußballspiel”, habe der 57-Jährige seiner Mannschaft gesagt. Nach der psychologischen Streicheleinheit forderte Rangnick von seinen Spielern mehr Engagement und Konsequenz ein: „Es reicht nicht, wenn wir ein bisschen anlaufen”, hatte Rangnick gemahnt.

„Wenn wir hier noch was holen wollen, müssen wir all-in gehen.” Sprich: Mit letzter Konsequenz und im Kollektiv gegenpressen, um die Bälle der Freiburger zu erobern. Das veranschaulichte der Chefübungsleiter der „Roten Bullen” seinem Team in zwei Videosequenzen. „Es braucht jemanden, der sagt: ,Traut Euch, geht rein!’”, erklärte Rangnick. Zuckerbrot und Peitsche.

Zwei Gesichter

Die neu zusammengestellte Leipziger Mannschaft scheint diese Ansprachen derzeit noch ganz besonders zu benötigen. Denn immer wieder wechseln sich gelungene Spielphasen mit überraschend schlechten ab. Mal kickt RB wie gegen Freiburg am Anfang unter Niveau, mal wie in Heidenheim in der Mitte des Spiels und mal wie bei der Heimpleite gegen St. Pauli die gesamte zweite Hälfte. Fast in jedem Spiel dieser Saison zeigten Kapitän Dominik Kaiser & Co. innerhalb einer Partie zwei Gesichter  – auch wenn die gelungenen und dominanten Phasen stetig zunehmen.

Gegen den SC Freiburg scheint Rangnick in der Kabine genau die richtigen Worte und Mittel gefunden zu haben. Nach der Pause kam sein Team zumindest zu Beginn wie verwandelt auf den Platz und zeigte bereits nach zwei Minuten beim Ausgleich durch Davie Selke die Klarheit und Effektivität, die es noch oft vermissen lässt. Dass RB danach nicht den Punch entwickelte, das Spiel komplett zu drehen und noch konsequenter auf den möglichen Sieg drängte, muss sich Rasenballsport vorwerfen lassen.

1860 München unter Druck

„Wir hatten nach dem Ausgleich auch auf dem Platz das Gefühl, dass wir jetzt dran sind und moralische Vorteile haben. Aber dann hatten wir zwei, drei leichte Ballverluste, das Spiel kippt wieder, wir neutralisieren uns und haben keine richtige Torchance mehr kreiert”, bemängelte auch RBL-Mittelfeldmotor Diego Demme. Dabei spielte freilich auch die Qualität des Konkurrenten aus dem Breisgau eine Rolle. „Das war der beste Gegner, den wir in den vergangenen dreieinhalb Jahren Liga gespielt haben”, sagte Rangnick.

Vor dem Auswärtsspiel gegen den TSV 1860 München am Sonntag (13.30 Uhr) forderte Demme nun: „Wir müssen uns von Anfang an trauen, uns für den hohen Aufwand belohnen, den wir betreiben.”

In die Karten könnte den Leipzigern dabei die psychologische Ausgangssituation spielen. Anders als viele Gegner bisher habe der Tabellenvorletzte aus München (vier Punkte) bereits etwas zu verlieren, sagt Rangnick. „1860 hilft ein Punkt auch nicht weiter.” Mal sehen, welche Art der Ansprache sich Rangnick in der Gästekabine der Allianz-Arena einfallen lassen muss. (mz)