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Stadt-und Kreisbibliothek Osterburg „Meine Empfehlung: Astrid Lindgren“

Anette Rieger leitete 17 Jahre die Bibliothek in Osterburg und hat an der Erfolgsgeschichte der Literaturtage im Landkreis Stendal kräftig mitgeschrieben. Was waren ihre Highlights, wer ihre beliebtesten Promigäste - und auf welche Aufgaben freut sie sich in der Zukunft?

Von Astrid Mathis Aktualisiert: 27.02.2025, 23:32
Anette Rieger leitete 17 Jahre die Bibliothek in Osterburg (Kreis Stendal).
Anette Rieger leitete 17 Jahre die Bibliothek in Osterburg (Kreis Stendal). Foto: Astrid Mathis

Osterburg. - Die Stadt- und Kreisbibliothek in Osterburg im Kreis Stendal ist für den Schriftsteller Ernst-Paul Dörfler die schönste im ganzen Land. 17 Jahre leitete Anette Rieger hier die Geschicke, plante die Literaturtage und begleitete den Bücherbus des Landkreises Stendal. Die gebürtige Seehäuserin war mit ihren 25 Jahren 2008 die jüngste Bibliotheksleiterin Sachsen-Anhalts. Jetzt möchte sie sich ganz der Kinderbibliothek widmen.

17 Jahre Bibliotheksleitung – kann man sich da noch an das schönste Erlebnis erinnern?

Anette Rieger: Das ganze erste Jahr 2008. Im Januar hatten wir gleich eine Pippi-Langstrumpf-Veranstaltung und im Sommer das Mittsommerfest. Ein Stück von Schweden also, das ich für die Bibliotheksleitung verlassen hatte. Die Leute brachten Blumen mit, No Limit sang ABBA-Hits, und weil Regen drohte, feierten wir in der Musikmarkthalle, die es damals noch gar nicht als Veranstaltungsort gab. Mit den Bibliothekskindern habe ich sogar auf der Gitarre „Pippi Langstrumpf“ gesungen – auf Schwedisch. Im Dezember haben wir in Krumke schwedische Weihnachten mit Lucia-Zug und Lesung im Schloss vorgestellt. Es war ein phantastischer Auftakt. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht.

Stichwort: Schweden.

Anette Rieger: Ich habe an der Hochschule Magdeburg-Stendal Medienmanagement studiert und wollte die Region nie verlassen. Einmal musste ich – für ein Auslandssemester nach London. Einmal wollte ich – als Au Pair nach Schweden, um die Sprache zu lernen aus Liebe zu Astrid Lindgren. 2007 habe ich eine Initiativbewerbung an den Kinderkanal, den Oetinger-Verlag und den früheren Bibliotheksleiter Manfred Güßfeld in Osterburg geschickt, aber die hat er nie erhalten, und als ich nachfragte, bot er mir ein vierwöchiges Praktikum an. Am Tag, bevor ich als Au Pair nach Schweden ging, warf ich noch den Film in den Briefkasten, den ich im Rahmen des Praktikums über die Fahrbücherei gedreht hatte. Der hat ihm wohl gefallen, denn er fragte mich ganz offen, ob ich mir vorstellen könnte, hier die Leitung zu übernehmen. Ich konnte. Dass er mich fragte, war wirklich ein großes Glück.

Als Manfred im Oktober 2007 starb, kam der Anruf von Bürgermeister Hartmuth Raden.

Anette Rieger: Ja, ihm lag die Bibliothek sehr am Herzen, und er wusste von der Empfehlung Manfred Güßfelds. Ich musste nicht lange überlegen, ob ich die Stelle annehmen würde. Schon als Kind war ich gern in der Seehäuser Bibliothek. Später lieh ich mir Sekundärliteratur zu Goethes „Faust“ aus, oft zusammen mit meinen Freundinnen, wenn die Bibliothek zu Bastelnachmittagen oder Weihnachtsfeiern einlud. Später dann lieh ich mir die Sekundärliteratur zu Faust und anderen Klassikern aus, die wir im Deutschunterricht behandelten. Dank der Bibliothek war ich für Aufsätze immer bestens vorbereitet.

Aller Anfang ist sicher schwer.

Anette Rieger: Das stimmt. Manfred Güßfeld konnte mich nicht mehr einarbeiten. Danuta Ahrends war kommissarische Leiterin, und wir wühlten uns nach meiner Rückkehr im November erst mal durch die Quartalsabrechnungen. Eine große Hilfe war, dass Manfred Güßfeld die Olita 2008 gedanklich schon vorbereitet hatte.

Die größte Herausforderung?

Anette Rieger: Die Landesliteraturtage 2016. Wir hatten 134 Veranstaltungen allein zu organisieren. Erst als zum Ende hin das Fahrbüchereitreffen auf dem Großen Markt stattfand, an dem sich die Schulen und Kindergärten so schön beteiligt hatten, ließ die Anspannung nach, und ich war sehr stolz auf das, was wir auf die Beine gestellt hatten. Damit kamen wir sogar in die Bibliothekszeitschrift. Aber ich empfand es auch immer als herausfordernd, sich in politischen Zusammenhängen für die Bibliothek einzusetzen. Die Sorge vor dem Rotstift, der an freiwilligen Aufgaben ja meist zuerst angesetzt wird. Zum Glück hatte ich in Osterburg Rückendeckung, zuerst von Hartmuth Raden, dann von Detlef Kränzel und Nico Schulz, die sich für die Bibliothek und die Literaturtage stets starkgemacht haben. Und in Sachen Bücherbus natürlich immer von Ulrike Bergmann.

Welcher Olita-Gast ist im Gedächtnis geblieben?

Anette Rieger: Unvergessen ist Winfried Glatzeder. Er war so früh hier, dass er selbst auf die Leiter stieg, um seine Deko anzubringen. Dann tranken wir zusammen ganz locker Kaffee, und er konnte gar nicht darüber fertigwerden, dass wir in Osterburg noch Mitropa-Tassen haben.

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Wie hat sich die Bibliothek verändert?

Anette Rieger: Betritt man die Bibliothek, scheint sich erst einmal gar nicht so viel verändert zu haben. Und das ist ja auch irgendwie schön, besonders für diejenigen, die die Bibliothek in ihrer Kindheit und Schulzeit genutzt haben und nach vielen Jahren mal wieder vorbeischauen und fast noch alles so vorfinden wie damals. Aber natürlich hat sich alles weiterentwickelt. 2011 haben wir die elektronische Ausleihverbuchung eingeführt und 2013 die Möglichkeit, eBooks über die „Onleihe“ zu entleihen. Ab 2022 kamen weitere Online-Angebote hinzu, wie Filme und Sprachkurse. Seit 2011 sind wir auch Stadtinformation und 2015 wurde das „Demografie-Theater“ im Hof gebaut.

Was ist das Spannende an der neuen Aufgabe?

Anette Rieger: Als Leiterin musste ich viele Papiere wälzen, Förderanträge stellen, Verwaltungsaufgaben erledigen und habe die eigentliche Bibliotheksarbeit vermisst. Ich habe ja von 2009 bis 2011 noch ein Fernstudium im Bibliothekswesen an der Humboldt-Universität in Berlin absolviert und in den letzten zwei Jahren immer wieder Führungen durch die Bibliothek und Veranstaltungen für Kinder gestaltet. Ich möchte Kinder für das Lesen und die Bibliothek begeistern, nur dann kommen sie wieder. Besonders freue ich mich darauf, den Bestand der Kinderbibliothek auszubauen.

Eine besondere Rolle spielt der Bücherbus.

Anette Rieger: Ja, ich bin oft mitgefahren und hatte viel Freude daran, Kindergartenkindern vorzulesen und Grundschülern zu erklären, wie eine Fahrbücherei funktioniert. Vor allem für Kinder und Rentner auf den Dörfern ist der Bücherbus wichtig, denn sie haben kaum die Möglichkeit, regelmäßig eine der Stadtbibliotheken m Landkreis zu erreichen. Wir sind in 75 Orten unterwegs von Arneburg bis Werben, von Aulosen bis Kehnert. Seit 1991.

Welches Buch würden Sie jedem Kind empfehlen?

Anette Rieger: Es ist wohl keine Überraschung, wenn ich Astrid Lindgren empfehle. Egal, welches ihrer Bücher man zur Hand nimmt, trifft man auf wahre Helden, die sich mit Herz und Verstand für das Gute einsetzen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch oder gibt es eines, das Sie besonders geprägt hat?

Anette Rieger: Wenn wir bei Kinderbüchern und Astrid Lindgren bleiben, dann wohl „Madita“. Ich denke, dieses Buch hat mich doch sehr geprägt, war sozusagen der Auslöser für mein Interesse an Schweden und für die Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist. Wer mich zu Hause besucht, wird das bemerken. Ob Küche oder Wohnzimmer – überall sieht es ein bisschen aus wie bei Madita auf Birkenlund. Auf den ersten Blick strotzt dieses Buch natürlich vor Idylle, aber bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass Madita, die um 1915 privilegiert aufwächst, sich für die Schwachen in der Gesellschaft stark macht. Das hat mir immer imponiert.

Sie sind inzwischen in Osterburg zu Hause. Was machen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit, wenn Sie nicht lesen?

Anette Rieger: Dann gehe ich am liebsten in der Natur spazieren.