Kabakon Kabakon: «Wie hasse ich Kleider!»

Kabakon/Nürnberg/dpa. - «Wir leben hier permanent nackt und genießen fast nur Früchte, vorallem die heilige Kokosnuss», steht in schwarzer Tinte auf der Kartegeschrieben, «was sind Städte: Felsengrabanlagen, Friedhöfe desGlücks und Lebens, gegen mein palmengeschmücktes, ozeanumbraustes,sonnendurchglühtes Eiland?! Kabakon ist ein Paradies, das ich kaum je mehr verlassen werde. Wie hasse ich Kleider!» Es ist ein Neujahrsgrußvon einer kleinen Insel im Bismarck-Archipel, heute Papua-Neuguinea,abgeschickt an Heiligabend 1904. Der Absender ist ein Mann namensAugust Engelhardt.
Dieter Klein wird neugierig. Jahrelang klappert der pensionierteGrundschullehrer Auktionen ab, schreibt Briefe an Professoren, reistschließlich sogar auf den Bismarck-Archipel immer in der Hoffnungauf neue Post von August Engelhardt. Nach und nach trägt er auf dieseWeise die Geschichte des Mannes zusammen, den Hermann Hiery,Spezialist für deutsche Kolonialgeschichte an der UniversitätBayreuth, später als den «ersten deutschen Hippie» bezeichnen wird.
Engelhardt wird 1877 in Nürnberg geboren. Es ist die Zeit derIndustrialisierung, aber der Apotheker-Lehrling rebelliert. Erschließt sich einem Vegetarier-Verein an, interessiert sich fürHeilfasten und Rohkost. «Von heute aus gesehen, war er damiteigentlich seiner Zeit voraus», urteilt Sven Mönter, Historiker derUniversität von Auckland in Neuseeland, der vor kurzem seineAbschlussarbeit über Engelhardt veröffentlicht hat.
Schließlich begeistert sich der Nürnberger für eine neuePhilosophie aus den USA, den sogenannten Kokovorismus. Das Konzeptist bestechend einfach: Wer sich ausschließlich von Kokosnussernährt, der wird Erleuchtung finden. Gemeinsam mit seinem Freund,dem Schriftsteller August Bethmann, schreibt Engelhardt ein Buch überden Kokovorismus: das «Neue Evangelium». Es wird fünfmal aufgelegtwerden. «Der Kokovore empfängt alles direkt aus den Händen seinesGottes, der gutherzigen Sonne», schreiben Engelhardt und Bethmann.Die Kokosnuss sei die Frucht, die diesem Gott am nächsten stehe, siesei der «Stein der Weisen».
1902 macht Engelhardt Ernst. An Bord eines Reichspostdampfersfährt der 24-Jährige in das heutige Papua-Neuguinea, damals teilweisedeutsche Kolonie. Dort kauft er die kleine Insel Kabakon nahe desBismarck-Archipels. Hier soll seine Kokovorismus-Kolonie entstehen,der sogenannte Sonnenorden. Per Brief lockt er dafür Anhänger ausdem fernen Europa auf seine Insel: «Kommt Freunde! Erlöst denEinsamen vom Schreiben durch Eurer Zungen trauten Ton!» Und er hatErfolg. «Um die 30 Menschen folgen Engelhardt innerhalb der nächstenzehn Jahre nach Kabakon», sagt Historiker Mönter. Sie alle wollen denTraum der Südsee-Kommune leben: Nacktheit und freie Liebe, essen, wasauf den Bäumen wächst und philosophieren im Schatten der Palmen.
Doch die Idylle trügt. Malaria und Mangelernährung machen denunvorbereitet angereisten Deutschen bald schwer zu schaffen - auchwenn die strenge Kokos-Diät nicht immer eingehalten wird. Innerhalbweniger Jahre sterben fünf Jünger des Sonnenordens, andere schaffenes gerade noch ins Krankenhaus auf dem Festland. Dazu kommenEifersüchteleien. «Die Gruppe ist auch aufgrund der polygamenStruktur auseinandergefallen», sagt der Bayreuther Forscher Hiery.«Unter den ungeklärten Todesfällen war mindestens ein Mord.»
Engelhardt selbst stirbt im Mai 1919, völlig entkräftet. Dieletzten Jahre hat der Franke alleine auf seiner Insel verbracht.«1909 hat er sich endgültig vom Sonnenorden verabschiedet und sichvon da an nur noch als Schriftsteller und Botaniker gesehen», sagtder Historiker Mönter. Der Nachwelt hinterlässt er noch sein«Kokosevangelium», das heute laut Experte Dieter Klein tief im Archivdes Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg vergraben liegen soll,und in dem er die wichtigsten Thesen seiner Weltanschauungzusammenfasst. «Die Kokospalme ist das pflanzliche Ebenbild Gottes»,heißt es dort. Nach Engelhardt folgt daraus: «Der Kokovorismus istder Weg zur vollen Erlösung von Schmerz, Leid und Tod.»