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Berlin Berlin: Zwölfjähriges Bombenopfer überrascht das Umfeld

Von Ulrike von Leszczynski 08.12.2008, 16:48
Charlyn John sitzt am 08.12.2008 im Unfallkrankenhaus Berlin auf der Intensivstation in einem Stuhl. Die Zwölfjährige hatte vor zwölf Tagen durch eine Briefkastenbombe lebensgefährliche Verletzungen erlitten. (FOTO: DPA)
Charlyn John sitzt am 08.12.2008 im Unfallkrankenhaus Berlin auf der Intensivstation in einem Stuhl. Die Zwölfjährige hatte vor zwölf Tagen durch eine Briefkastenbombe lebensgefährliche Verletzungen erlitten. (FOTO: DPA) dpa

Berlin/dpa. - Zwölf Tage ist es her, dass sie in Berlin durch eineBombe im Briefkasten ihrer Familie lebensgefährlich verletzt wurde.Erst seit wenigen Stunden weiß Charlyn (12), dass ihr inzwischenverhafteter Onkel die Bombe gelegt hat, die ihr fast den Arm abriss.Dennoch wirkt sie äußerlich ruhig, fast gelassen. «Es geht mir umeiniges besser», sagt sie und blickt auf ihren dick bandagierten Arm.«Ich kann schon wieder drei Finger bewegen.» Geweint hat sie, alsihre Klassenkameraden ihr große Transparente mit lieben Grüßenschickten - sie war so gerührt von der Fürsorge. «Das hat mich echtvom Stuhl gehauen», sagt sie.

Dass Charlyn eine erstaunliche junge Dame und Patientin ist,wissen die Ärzte des Berliner Unfallkrankenhauses schon seit einerWoche. Da holten sie das Mädchen nach dem Anschlag aus demkünstlichen Koma, und niemand wusste, ob sie wieder sehen, hören odersprechen können würde. Doch Charlyn sprach sofort, hören und sehenkonnte sie auch. Die Brandwunden in ihrem Gesicht begannen zuverheilen. Am vergangenen Mittwoch war klar, dass ihr zerfetzter Armnach mehreren Operationen sehr gute Chancen hat, erhalten zu bleiben.Für alle anderen Prognosen ist es noch zu früh. «Charlyn geht mit derganzen Situation exzellent um», sagt Handchirurg Andreas Eisenschenk.«Sie ist ein klar strukturiertes junges Mädchen, mitten im Leben.»

Charlyns Mutter Christine John ist so gefasst, wie es ihr möglichist. Sie wollte noch nicht, dass ihre Tochter erfährt, was genau mitihr passiert ist. Tagelang lang lag Charlyn abgeschirmt imKrankenhaus, da hat sie die Sache eben selbst in die Hand genommen.In einem unbeobachteten Moment griff sie zur Fernbedienung und zapptesich im Krankenzimmer durch die TV-Kanäle. Dann wusste sie Bescheid.Die Wahrheit hat sie wohl erstaunlich gut verkraftet. «Sie hat mirgesagt, sie habe das alles geahnt», berichtet ihre Mutter. «Sie warglücklich, dass uns nichts passiert ist.» Und dann habe Charlyngesagt: «Das wird schon wieder».

Charlyn steckt mitten in der Pubertät. Sie hat kaum noch etwasKindliches, wie sie da in ihrem Krankenzimmer sitzt, sehr wach undaufmerksam. Die Haare hat sie sich schnell noch föhnen lassen, eineZahnspange blitzt über den Zähnen. «Ich fühle mich hier wohl imKrankenhaus. Sie kümmern sich richtig super um mich», sagt sie. Balddarf sie mehr Besuch bekommen. «Ich wünsche mir meine ganze Klasseher und meine Freunde», ergänzt sie. «Du fehlst uns allen, sogar denJungs», steht auf dem Genesungsplakat ihrer Mitschüler zu lesen.

Bei Charlyn blitzt auch schon ein Funken Humor hervor. «Die Zähneputze ich mir mit der linken Hand, mit der rechten geht es jaschlecht», sagt sie und schaut auf den dicken Verband am rechten Arm.Am Freitag soll nach der nächsten OP das Stützkorsett ab, Charlynkann es kaum erwarten. Als ehrgeiziges und starkes Mädchenbeschreibt Christine John ihre Tochter. Ihre eigenen Gefühle kann sienoch kaum schildern. Als ihr Stiefbruder Peter John, der mutmaßlicheBombenleger, am Samstagabend nach zehn Tage Suche gefasst wurde,haben Christine John und ihr Mann kaum reagiert. «Wir haben gesessenund geschwiegen, stundenlang», sagt sie. «Da haben keine Sektkorkengeknallt.»

Die Berliner Polizei hatte nach Peter John gefahndet, wie zuvornur nach dem Kaufhauserpresser «Dagobert». Inzwischen hat John dieTat gestanden. Über mögliche Gründe für die Bombe kann seineStiefschwester kaum etwas sagen. «Er hat uns im Sommer schon einmalbedroht, aber das hat keiner ernst genommen», sagt sie. In E-Mailshatte John von einem Familienstreit als Grund gesprochen. ChristineJohn zuckt hilflos mit den Schultern. «Ich weiß es nicht.» Es ist imMoment nicht das, was sie beschäftigt. Sie ist für Charlyn da. Diepsychologische Betreuung in der Klinik, die nehme sie selbst noch garnicht richtig an. Die ganze Schwere aus dem Kopf, sie beginne langsamerst nach unten zu sinken.

«Charlyn schafft das», sagt ihre Mutter überzeugt. Sie seiunendlich dankbar dafür, dass es ihrer Tochter schon wieder sorelativ gut gehe; nach lebensgefährlichen Verletzungen, die selbstAndreas Eisenschenk an Krieg erinnerten. Wenn sie von Charlynerzählt, scheint ein Teil der Last der vergangenen Wochen vonChristine John abzufallen. Sie schildert, wie gern Charlyn zeichnet,dass sie Musik hört und endlose Telefonate liebt. Und dass sie sichgern die Haare chic macht, wie so viele Mädchen in ihrem Alter.Wenn sie Wünsche freihätte für das Jahr 2009? «Ruhe, Frieden für dieFamilie und gesunde Kinder», sagt Christine John. Charlyn hat nochzwei jüngere Geschwister. Das Familienleben steht zur Zeitnotgedrungen Kopf. Die Eltern sind so oft wie möglich im Krankenhaus,auch Weihnachten wollen sie hier feiern.

Noch können die Ärzte nicht sagen, wie sehr Charlyn ihren Armspäter belasten kann - und ob sie alle Finger bewegen wird. Der Armwerde nie wieder werden wie vorher, betont ihr Arzt AndreasEisenschenk. Wie die Nerven sich erholen, wie Ellenbogen undHandgelenk reagieren, muss auch er abwarten. Bis Anfang Februarbleibt Charlyn mindestens im Krankenhaus, fünf weitere Operationenliegen vor ihr. Das schreckt sie nicht. Nur ihren Berufswunsch,Tierärztin, beginne sie gerade zu überdenken, sagt sie. «Ich kann soschlecht Blut sehen.»

Die Behausung, die der mutmaßliche Täter des Sprengstoffanschlags in einem Berliner Wohnhaus, Peter John, genutzt haben soll. (FOTO: DDP)
Die Behausung, die der mutmaßliche Täter des Sprengstoffanschlags in einem Berliner Wohnhaus, Peter John, genutzt haben soll. (FOTO: DDP)
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