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Berlin Berlin: Auf freier Strecke entgleist

Von A. Beyerlein 21.08.2012, 11:17
«Nach ersten Erkenntnissen gehen wir von fünf bis zehn Verletzten aus», sagte ein Feuerwehrsprecher. (FOTO: DAPD)
«Nach ersten Erkenntnissen gehen wir von fünf bis zehn Verletzten aus», sagte ein Feuerwehrsprecher. (FOTO: DAPD) dapd

BERLIN/MZ. - Es hat fürchterlich geknallt und gequietscht, sagt Heiner Less. Dann gab es einen Ruck und das Quietschen wurde von ohrenbetäubendem Rattern abgelöst. Kurz darauf gab die S-Bahn der Linie S 25 keine Geräusche mehr von sich. Der Zug, in dem Less mit fast 50 anderen Fahrgästen saß, bewegte sich nicht mehr. Nur die zwei Wagen an der Spitze und die zwei Wagen am Schluss standen noch aufrecht - aber auf unterschiedlichen Gleisen. Dazwischen hingen die beiden Mittelwagen. Einer neigte sich bedrohlich zur Seite.

Die Nordausfahrt des S-Bahnhofs Tegel war am Dienstag gegen 11.45 Uhr Schauplatz eines Unfalls, bei dem sechs Menschen verletzt wurden. Verursacht wurde das Unglück offenbar durch eine Weiche, die sich verstellte, während der Zug sie passierte.Am Montagnachmittag hatte ein Blitz im Stellwerk Tegel einschlagen. Bis 1 Uhr nachts war die Strecke von Tegel ins brandenburgische Hennigsdorf nicht befahrbar, sagte S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Ob ein Zusammenhang mit dem Unfall vom Dienstag bestehe, müsse noch geklärt werden.

Heiner Less hatte Glück: Er saß im zweiten Wagen und erlitt keine Blessuren. Doch aussteigen durften er und die anderen Reisenden erst einmal nicht. „Irgendjemand hat gerufen, dass wir im Zug bleiben sollen, weil der Strom noch nicht abgestellt ist“, so Less. Dann seien Feuerwehrleute dagewesen. Sie geleiteten die Menschen aus dem Zug auf einen Parkplatz . Den Insassen der entgleisten Wagen halfen sie teils mit Leitern hinaus. Auf dem Parkplatz standen Notarztwagen bereit, deren Besatzungen sich um die sechs Verletzten, vier Männer und zwei Frauen, kümmerten. Dazu gehörte auch der Triebfahrzeugführer, der einen schweren Schock erlitten hat. Die verletzten Fahrgäste wurden sicherheitshalber in Krankenhäuser gebracht.

Die Feuerwehr war mit rund 80 Männern und schwerer Technik im Einsatz. „Die Fahrgäste waren sehr besonnen“, sagte Sprecher Rolf Erbe. „Sie haben wirklich Glück gehabt. “ Es hätte auch Tote geben können, sagten Polizisten. Der Unfall geschah an der Weiche, an der das frühere Verbindungsgleis zur Industriebahn Tegel – Friedrichsfelde abzweigt. Das Gleis endet nach 50 Metern, die Güterstrecke ist größtenteils abgebaut worden. Die ersten zwei Wagen des Zuges nach Hennigsdorf hatten die Weiche wie vorgeschrieben passiert. Doch kurz darauf muss sich die Weiche umgestellt haben. Der fünfte und der sechste Wagen nahmen Kurs auf das Gütergleis, die beiden Wagen dazwischen sprangen aus den Schienen. Der Zug war Schätzungen zufolge mit Tempo 40 bis 60 unterwegs.

Weichen, die auf ungenutzte Gleise führen und nicht mehr gebraucht werden, gibt es viele im Netz. Normalerweise werden sie verriegelt. „Wenn man sie ausbauen wollte, würde das teuer. Darum lässt man sie bis zu größeren Umbauten am Platz.“ Aber auch solche Weichen müssten regelmäßig kontrolliert und gewartet werden. Ein Defekt könnte möglicherweise die „Folge mangelhafter Instandhaltung“ sein, meinte der Berliner Fachautor Erich Preuß.

Ungeachtet dessen sei die S-Bahn jedoch ein sicheres Verkehrsmittel, sagte Preuß. Es sind die Betriebsstörungen, die Verspätungen, der Wagenmangel und andere Probleme, von denen sich die Fahrgäste genervt fühlen - und die dafür sorgen, dass die S-Bahn Berlin nicht aus den Schlagzeilen kommt.Auch drei Jahre nach dem größten Höhepunkt der S-Bahn-Krise sind immer noch weniger Züge unterwegs als bestellt – obwohl die S-Bahn Millionen investiert und neue Techniker eingestellt hat. Weiterhin stauen sich Züge, die zur Revision müssen, im Werk Schöneweide. Und trotz großer Anstrengungen hat die S-Bahn noch immer nicht alle Wagen der Alt-Baureihe 485 wieder flott bekommen. So standen am Dienstagfrüh nur 974 Wagen für die Fahrgastbeförderung bereit, so Elke Krokowski vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Laut Vertrag hätten es 1 124 Wagen sein müssen.

Selbst längst vergessen geglaubte Technikprobleme stören immer wieder den Betrieb, sagt Krokowski. So komme es vor, dass S-Bahnen ihr Tempo drosseln müssen, weil sie nicht genug Bremssand dabei haben oder die Bremssandanlagen nicht korrekt funktionierten - ein Problem, das bisher nur im Winter thematisiert worden ist.