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Arbeitsagentur warnt Firmen und Behörden: Salzlandkreis verliert in rund zehn Jahren fast ein Drittel seiner Arbeitskräfte

Von Torsten Adam 07.02.2019, 11:28
Die Firma Fricke bildet seit Jahren bedarfsgerecht aus. Steve Ehrlich (links) und Jamal Reupsch (rechts) sind derzeit im zweiten Lehrjahr, Jonas Kursawe (2. von links) und Florian Banse haben erfolgreich ausgelernt.
Die Firma Fricke bildet seit Jahren bedarfsgerecht aus. Steve Ehrlich (links) und Jamal Reupsch (rechts) sind derzeit im zweiten Lehrjahr, Jonas Kursawe (2. von links) und Florian Banse haben erfolgreich ausgelernt. Angelika Dietrich

Bernburg - Dem Salzlandkreis droht ein Notstand an Arbeitskräften. Bis zum Jahr 2030 wird in der Region nach Berechnungen der Agentur für Arbeit fast ein Drittel weniger Erwerbsfähige zur Verfügung stehen als aktuell. „Selbst dann, wenn alle Schüler hier eine Ausbildung aufnehmen, erwarten wir ein Minus von 28,8 Prozent“, sagt Bernburgs Agentur-Geschäftsführerin Anja Huth.

Viele Arbeitgeber seien sich dieser Brisanz noch gar nicht bewusst - obwohl inzwischen aus fast allen Branchen wachsender Personalbedarf gemeldet wird.

Der Abgang älterer Arbeitnehmer ist nicht ansatzweise durch nachrückende Jugendliche zu kompensieren. Diese können sich inzwischen ihre Lehrstelle aussuchen. Auf 100 Azubis kommen derzeit im Salzlandkreis 106 Lehrstellen. Eine Möglichkeit, um den Notstand zumindest zu verringern, ist die Gewinnung der Pendler, die für ihren Beruf die Region verlassen - das sind mehr als 25.000 Menschen.

Jugendliche können sich ihre  Lehrstelle aussuchen

Die zweite Chance bietet die Integration von Flüchtlingen, die bislang nur vereinzelt gelingt. Lediglich rund 150 Zuwanderer, größtenteils aus Syrien und Afghanistan, fanden bis zum Sommer 2018 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Salzlandkreis.

Einstellungshemmnis müssen nicht vordergründig mangelnde Fach- und Sprachkenntnisse oder fehlende Motivation sein, sagt Marcel Gratzik. Der 39-jährige Diplom-Betriebswirt ist selbst Quereinsteiger und Miteigentümer der Manfred Fricke GmbH.

Der Fachbetrieb für Bäder, Heizungen und regenerative Energien, vor 40 Jahren in Bernburg gegründet, hat sein Glück mit zwei syrischen Praktikanten versucht. „Wir sind viel in Privathaushalten unterwegs. Es gab wenig Akzeptanz bei den Kunden“, zieht er eine ernüchternde Bilanz.

Sanitärbetrieb versuchte es mit Praktikanten aus Syrien

Dabei ist sich der Meisterbetrieb bewusst, wie wichtig es ist, frühzeitig Arbeitskräfte an sich zu binden. „Seit der deutschen Wiedervereinigung haben wir immer bedarfsgerecht ausgebildet“, sagt Manfred Fricke. Der 74-jährige packte bis zu einem schweren häuslichen Unfall vor vier Jahren noch selbst mit an.

Als ehemaliger Kreishandwerksmeister und Obermeister der Innung Sanitär, Heizung, Klima kennt er noch die Zeiten, als Anfang dieses Jahrtausends von zehn freigesprochenen Lehrlingen nur einer eine Anstellung fand. „Den anderen habe ich damals geraten, in den Westen zu gehen.“ Dieses Verhältnis hat sich inzwischen völlig umgekehrt.

Umso erfolgversprechender ist es, Arbeitskräfte durch attraktive Bedingungen an den Betrieb zu binden, sagt Marcel Gratzik. Neben der Entlohnung werde viel Wert auf ein gutes Betriebsklima gelegt.

Faire Bezahlung und gutes Betriebsklima sind entscheidend

Zwei frühere Azubis, Florian Banse und Jonas Kursawe, arbeiten inzwischen als Gesellen. Steve Ehrlich und Jamal Reupsch sind im zweiten Lehrjahr zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. „Sie passen super ins Team, sind immer pünktlich und sehr engagiert“, lobt Gratzik das Duo, das ebenfalls eine Perspektive im Betrieb angeboten bekomme.

Seniorchef Fricke hofft, dass sie es annehmen. Denn der Kampf um Fachkräfte wird intensiver. Als kleiner Handwerksbetrieb mit einem Meister, vier Gesellen und einer Bürokraft sei es schwierig, mit den guten Industrielöhnen mitzuhalten.

Vor 40 Jahren hatte Manfred Fricke ganz andere Sorgen. Am 1. Februar 1979, mitten im Jahrhundertwinter, erfüllte er sich seinen Traum von der Selbstständigkeit. Als Ein-Mann-Betrieb mit Werkstatt am Haus an der Ehrlichstraße. „Ich sagte mir, ehrlich währt am längsten“, zitiert er das Sprichwort mit Augenzwinkern.

40 Jahre sind es schon mal geworden, am vorigen Freitag wurde das groß gefeiert. Der Heizungsbaumeister war zu DDR-Zeiten in Bernburg als „der Gasmann“ bekannt - und konkurrenzlos. Dennoch habe er zweimal fast seinen Gewerbeschein verloren, weil er jemandem außerhalb des Kreisgebietes aus der Patsche half.

Vor 40 Jahren gab es kein Material, heute kaum Arbeitskräfte

„Damals hatten wir kaum Material, heute kaum Arbeitskräfte“, beschreibt Manfred Fricke den wesentlichsten Wandel in seinem Beruf. Mit dem Mauerfall wuchsen Aufträge und Personal.

„Viele gute Betriebshandwerker sind entlassen worden“, erinnert sich Manfred Fricke an die wilden 90er, in denen er bis zu 20 Mitarbeiter beschäftigte. Auch sehr viel Lehrgeld habe er zahlen müssen - weil Kunden zahlungsunfähig waren. Nach den wenigen Boom-Jahren habe sich das Auftragsaufkommen wieder auf ein Normalmaß reduziert.

Frickes Sohn Steffen stieg im Jahr 1992 in den Betrieb ein

Sein Sohn Steffen stieg 1992 in den Betrieb ein, zehn Jahre später übernahm er die Geschäftsführung vom Vater. „Die technischen Finessen sind sein Part, ich kümmere mich um den Bürokram und das Unternehmerische“, sagt sein Schwager Marcel Gratzik und sieht die Aufgaben gut verteilt und den seit 25 Jahren an der Wolfgangstraße ansässigen Handwerksbetrieb gut aufgestellt.

Und das in einer Branche, in der der Fachkräftemangel am akutesten ist. Laut Arbeitsagentur gibt es im Klempner-Beruf die größten Lücken. „Einen Servicemonteur suchen wir noch händeringend“, sagt Gratzik zur Bestätigung. Weil der Arbeitsmarkt wie leer gefegt ist, werden es in Zukunft wohl eher die selbst ausgebildeten Lehrlinge sein, die die Lücken schließen. (mz)