Porzellan Porzellan: Luxus mit Schwertern
Halle/MZ. - Seit 26 Jahren arbeitet die Blondine in der Porzellan-Manufaktur Meissen. Wie das Gros der Mitarbeiter, hat auch Katrin Schauer ihr Handwerk in der traditionsreichen Werkstätte im Triebischtal gelernt.
Das bauchige Gefäß mit dem Schneeballblüten-Dekor vor ihr auf der Drehscheibe ist ein besonderes Stück, weiß die 43-Jährige. Das 45 000 Euro teure Kunstwerk, dessen Vorgänger im 18. und 19. Jahrhundert so manche Tafel des Hochadels zierten, wurde mit 50 Stück neu aufgelegt und gehört zur Jubiläumskollektion des sächsischen Traditionsunternehmens. Das blickt in diesem Jahr auf eine 300-jährige Erfolgsgeschichte zurück.
Am 6. Juni 1710 hatte Kurfürst August der Starke die Produktion der "Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur" in der Meißener Albrechtsburg anlaufen lassen. Zwei Jahre zuvor waren die lange währenden Experimente geglückt und Johann Friedrich Böttger konnte seinem Landesvater das erste in Europa hergestellte Hartporzellan auf Kaolin-Basis servieren. Der prunkliebende Monarch und Porzellan-Narr wollte mit Sachsens Reichtum aber nicht nur die eigenen Tafeln und Säle schmücken, sondern das weiße Gold ordentlich versilbern. Deshalb schickte er schon im Gründungsjahr der Manufaktur einige Porzellanstücke auf die Ostermesse nach Leipzig. Um Begehrlichkeiten bei den Kunden zu wecken, erzählt Mitarbeiter Wolfgang Kolitsch während einer Firmenbesichtigung.
Die Rechnung des starken August ging auf. Die Sachsen-Manufaktur, die seit drei Jahrhunderten für hohe Handwerkskunst und einzigartige Kreationen steht und zu DDR-Zeiten wichtiger Devisenbringer war, entwickelte sich zu einem weltweit bekannten Unternehmen. Heute beschäftigt die älteste Porzellan-Manufaktur Deutschlands 800 Mitarbeiter und ist in 30 Ländern mit 300 Fachhändlern vertreten. Zwar denken viele Deutsche bei Meissener Porzellan zuerst an Tassen und Teller mit dem berühmten Zwiebelmuster, doch die Manufaktur macht inzwischen 60 Prozent ihres Umsatzes mit gehobener Innenausstattung. Dazu zählen Skulpturen, prunkvolle Vasen und prächtige Leuchter. Für viele Porzellanliebhaber sind die Unikate aus Sachsen beliebte Sammelobjekte und eine attraktive Wertanlage mit Vererbungscharakter.
Doch wieder zurück in die Bossiererei und zur Kanne, die Katrin Schauer im wahrsten Wortsinne erblühen lässt. Entworfen, so weiß die Bossiererin, wurde das außergewöhnliche Dekor 1739 von Johann Joachim Kaendler, ein Name, der dem Besucher beim Rundgang durch die hellen Arbeitsräume immer wieder begegnet. Kein Wunder. Denn der geniale Plastiker verstand es, Gebrauchsgegenstände wie Vasen und Kannen in Kunstwerke zu verwandeln. Seine fragilen Blickfänge prägen bis heute die Tisch- und Tafelkultur.
Hübscher Blickfang ist auch die Deckelvase, die in der Unterglasurmalerei vor Karin Knecht steht. Acht Tage hat die Porzellanmalerin gebraucht, um den dekorativen Fischschwarm zu gestalten. "Vorsicht ist bei unserer Arbeit wahrlich die Mutter der Porzellankiste", lacht die 47-Jährige. Denn die kleinste Unachtsamkeit kann teuer werden. "Porzellan vergisst nichts. Etwas zu viel Druck, ein wenig verkantet abgestellt - schon ist das gute Stück unbrauchbar", sagt die versierte Malerin, während sie ihr Werk betrachtet. "Höllisch aufpassen muss man auch beim Malen. Der poröse Grund saugt die Farbe sofort auf. Eine Korrektur ist fast unmöglich", ergänzt Birgit Greiß. Die 36-jährige Porzellanmalerin greift sich eine Tasse mit Zwiebelmuster - erstmals wurde das Dekor 1739 nachgewiesen - und einen Pinsel. Dann zeichnet sie die blauen Schwerter auf die Unterseite. Seit 1722 sind sie, immer mal wieder in abgeänderter Form, das Markenzeichen der handgemachten Luxusprodukte.
Wie oft Birgit Greiß, die seit 20 Jahren in ihrem Traumberuf arbeitet, schon die gekreuzten Schwerter gemalt hat, da zuckt sie nur mit den Schultern und streicht über den blauen Fischschwarm auf der Vase. Bevor das auftragsbezogene Stück für 17 000 Euro verkauft wird, muss es noch in der Ofenhalle glasiert und bei 1 400 Grad gebrannt werden. "Dabei schrumpft die Vase von 74 auf 65 Zentimeter, strahlt nach der Prozedur aber in schönstem Blau und Weiß", macht Karin Knecht neugierig.
Eine ziemlich große Vase steht auch vor Christian Schöppler. Es ist ein Prachtstück mit chinesischen Motiven. Zufrieden begutachtet der Künstlerische Leiter das exklusive Stück. 50 Prozent der Produkte - inzwischen sind es fast 200 000 - gehen in den Export. Die wichtigsten Exportpartner sind Japan und Taiwan. "Die Asiaten lieben sehr exklusive Stücke. Da dürfen die Sachen schon recht aufwändig sein", weiß der Aufglasurmaler. Von dem 63-Jährigen, der seit mehr als vier Jahrzehnten in der Manufaktur arbeitet, ist zu erfahren, dass sich die Technologien kaum geändert haben. Das Porzellan wird auch heute nach alten Rezepturen hergestellt und die etwa 10 000 geheimen Farbmixturen entstehen im hauseigenen Labor. "Verändert hat sich aber der Anteil der Frauen. Der ist größer geworden", so Christian Schöppler.
Mit diesen Worten im Ohr geht es weiter durch den Betrieb. Vorbei an Vitrinen, gefüllt mit zahllosen weißen Figuren und Uhrgehäusen, stracks hin zu einem großen Schatz der Manufaktur. Der lagert in drei Formenhäusern in unzähligen Regalen. Etwa 200 000 Gipsformen aus drei Jahrhunderten sind hier zu finden. Darunter auch die alten Vorbilder der neuen Sushi-Schalen, mit denen das Unternehmen jetzt junge Kunden für die Handwerkskunst aus Meißen begeistern will. Denn die Manufakturisten sind dabei, sich neu aufzustellen.
Als die Wirtschaftskrise die Luxusmärkte insbesondere in Russland schrumpfen ließ, verbuchte der sächsische Staatsbetrieb 2008 bei einem Umsatz von 35 Millionen Euro einen Verlust von mehr als sechs Millionen Euro. Ein neues Management und neue Geschäftsfelder sollen nun die Auftragsrückgänge im klassischen Sortiment kompensieren. Dazu gehören exklusives Interieur, Sushi- und Pasta-Sets sowie eine Schmuckkollektion. "Die Manufaktur schmückt Räume, Tische und Menschen", bringt es Geschäftsführer Christian Kurtzke auf den Punkt.
Künftig sollen auch Platten aus der Manufaktur in Badezimmern von Luxushotels blitzen. Seit vorigem Jahr wird an Wandbekleidung und Fußböden aus Meissener Porzellan und Böttgersteinzeug getüftelt, erzählt Wolfgang Krause. Der Technische Geschäftsbereichsleiter steht vor einem langen Tisch, auf dem schmale Porzellanplatten in gedeckten Farben liegen. "Die lassen sich nach Kundenwünschen zu dekorativen Wandbildern formieren. Wir setzen hier bewusst auf Minimalismus", erklärt Krause.
Von Minimalismus kann bei der Schneeballblüten-Kanne keine Rede sein. Ein Zwilling des Gefäßes, das Katrin Schauer ein paar Türen weiter mit Blüten dekoriert, steht vor Kerstin Koppenhagen. Die Staffagemalerin haucht mit dünnem Pinsel Krähenfüße in die Blütenkelche und tupft Goldpunkte auf. Golden glänzen schon die Ranken. Wenn die Porzellankanne später die Manufaktur verlässt, ist sie ein echtes Meissener Prunkstück.