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MZ-Serie «Lebenswandel» MZ-Serie «Lebenswandel»: Einfluss der demografischen Entwicklung auf die Kriminalität

01.11.2012, 17:57

Magdeburg/MZ/lö. - Die Frage, welchen Einfluss die demografische Entwicklung auf künftige Kriminalitätsstatistiken hat, beschäftigt Wissenschaftler seit einigen Jahren. Derzeit läuft am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen ein von Sachsen-Anhalt und drei weiteren Bundesländern finanziertes Projekt, von dem Praktiker wichtige Antworten erwarten. Der Abschlussbericht mit einer Prognose bis 2030 soll voraussichtlich Ende des Jahres vorliegen.

Schon jetzt Auswirkungen

Dass die Bevölkerungsentwicklung Einfluss auf die Art und Menge von Straftaten hat, gilt als unumstritten. Das hat sich auch in den vergangenen Jahren schon gezeigt, wie es in Innenministerium und Landeskriminalamt (LKA) in Magdeburg heißt. Stichwort jugendtypische Delikte - leichte Körperverletzungen oder Diebstahl etwa. "In dem Bereich schlägt die Demografie deutlich durch", wie Stefan Damke, Abteilungsleiter im LKA, sagt. So wurde die Kriminalitätsstatistik des Landes noch Mitte der 90er mit einem Anteil von 70 Prozent an den Gesamtstraftaten durch Diebstahl geprägt. Dann kamen die geburtenschwachen Jahrgänge ins Jugendalter - eine Entwicklung, mit der laut Damke auch ein massiver Rückgang der dafür typischen Delikte einherging. Diebstahl hat heute noch einen Anteil von rund 40 Prozent. Der Anteil von Tatverdächtigen unter 21 Jahren, einst deutlich über dem ?Bundesdurchschnitt, sei auf einen Wert darunter gesunken.

Regional schlägt sich die demografische Entwicklung bisher unterschiedlich nieder. Nimmt man etwa die Jahre 2008 und 2011 als Vergleich, so hat der Landkreis Mansfeld-Südharz fünf Prozent seiner Einwohner verloren - die Zahl der Straftaten ging indes um sechs Prozent zurück. In der Altmark sank sie bei einem Bevölkerungsverlust von 4,1 Prozent sogar um 16,2 Prozent. In Magdeburg wurden 6,9 Prozent weniger Straftaten bei leicht wachsender Bevölkerungszahl registriert, während im Saalekreis mit einem Bevölkerungswachstum von 2,7 Prozent auch ein Anstieg der Delikte um 10,9 Prozent einherging. "Demografie ist zwar ein wesentlicher Faktor, aber es gibt immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren", sagt Sirko Eckert vom Innenministerium. Eine Frage der Prävention, aber vor allem der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Entwicklungen, wie auch Wissenschaftler stets betonen.

In einer vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung veröffentlichten Modellrechnung wird gegenüber dem Jahr 2006 ein Rückgang von Straftaten und -Tätern bis 2023 um zehn Prozent, bis 2040 um 20 Prozent und bis 2050 um 30 Prozent erwartet. Die Kriminalität würde nach dieser Rechnung stärker sinken als die Bevölkerungszahl - eine Vorhersage der tatsächlichen Entwicklung könne das Modell aber nicht leisten, so Autor Gerhard Spiess. Erwartet werden vor allem Veränderungen in der Altersstruktur der Tatverdächtigen. 1993 noch gleichauf mit 18- bis 25-Jährigen werden Täter ab 40 Jahren ab 2030 doppelt so häufig auftreten wie die Jüngeren.

Neue Verführungen

Eckert und Damke sprechen in Magdeburg in diesem Zusammenhang auch von neuen Kriminalitätsentwicklungen durch Internet und moderne Technik. Die würden Menschen Gelegenheit zu Straftaten verschaffen, "die sonst nie in Versuchung geraten wären". So könnten künftig speziell in dem Bereich auch Ältere als Täter in Frage kommen, die heute noch als technische Einsteiger gelten.