Leipziger Neuseenland Leipziger Neuseenland: Wie viele Erholungsuchende hält die Region aus?

Leipzig - Ein Eisvogel flattert über das Wasser. Eine Schleuse, dann wird das Kajak auf den Cospudener See entlassen. Zu DDR-Zeiten wurde im Leipziger Neuseenland noch Braunkohle abgebaut, seit der Flutung der Gruben haben Freizeitsportler und Ausflügler die Seen für sich entdeckt. Und es sind vielerorts Ferienanlagen entstanden, was zu Konflikten mit dem Naturschutz führt.
Leipziger Neuseenland: Zahl der Übernachtungen steigt
Trotz Beschränkungen zugunsten der Landschaft zieht das Leipziger Neuseenland eine wachsende Zahl Touristen an. Im vergangenen Jahr registrierte der Tourismusverein Leipzig Tourismus und Marketing (LTM) dort gut 720.000 Übernachtungen - 70.000 mehr als noch vor vier Jahren. Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor.
Wohin mit den Besucherströmen? Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Anhalt-Bitterfeld, Dessau und Wittenberg entwarf die Stadt Leipzig ein „Tourismuswirtschaftliches Gesamtkonzept für die Gewässerlandschaft im Mitteldeutschen Raum“ (TWGK). Der Leipziger Stadtrat hat es schon befürwortet, anderswo stößt es auf Kritik.
Umweltverträglichkeit von Tourismus
Anja Werner, umweltpolitische Sprecherin des Umweltverbands Ökolöwe, etwa moniert, dass das TWGK nicht auf die Umweltverträglichkeit von Tourismus eingeht. So werde dessen Ausbau in Leipziger Stadtgewässern geplant, das aber widerspreche nicht nur dem Schutzgedanken, sondern bringe auch neue, mit Kosten verbundene Konflikte mit sich.
An denen mangelt es nicht. Beispielsweise streiten sich derzeit die Behörden, ob am Werbeliner See nördlich von Leipzig künftig gebadet werden darf oder nicht. Im Juli dieses Jahres stellte die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Nordsachsen das Areal um den Tagebausee unter vorläufigen Schutz. „Dieser Schutzstatus wird wohl auch nach zwei Jahren nicht wieder aufgehoben“, sagt Rayk Bergner, Sprecher des Landkreises Nordsachsen.
Naturschutz bestimmt die Nutzung der Seen und Flüsse
Nur: Die Stadt Delitzsch will sich ihren Badeplatz nicht verbieten lassen. Eine Ausnahmeregelung werde derzeit in Gesprächsrunden mit Landesdirektion, Umweltministerium und Landkreis geprüft, sagt Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos). Bergner betont, das Baden am Werbeliner See sei noch nie erlaubt gewesen. Der Braunkohle-Sanierer LMBV habe die Nutzung des Sees, der nach wie vor Bergbaugebiet ist, lediglich geduldet.
Auch im südlichen Neuseenland bestimmt der Naturschutz die Nutzung der Seen und Flüsse. Am Floßgraben im Leipziger Auwald etwa seien seit Anfang des Jahres vier Paare des Eisvogels beobachtet worden, berichtet Angelika von Fritsch vom Amt für Umweltschutz der Stadt Leipzig. Fünf Bruten seien bereits ausgeflogen. Zum Schutz der seltenen Vögel benötigen Motorboote eine Genehmigung, grundsätzlich sind nur gewerbliche Schiffe zugelassen. Paddelboote dürfen zwischen März und September nur zu bestimmten Zeiten durch das Gewässer fahren, um die Eisvögel nicht zu stören.
„Der Auwald verträgt so gut wie keinen Tourismus“
Ökolöwe-Sprecherin Werner sieht selbst das kritisch: „Der Auwald verträgt so gut wie keinen Tourismus.“ Touristen sollten Seen nutzen, die nicht als Schutzgebiete ausgewiesen sind, dort störten sie keine Vögel. Für die Besucher seien allerdings gerade Aktivitäten in der Natur wie Paddeln, Radeln und Wandern attraktiv, sagt LTM-Sprecherin Daniela Kuhnert. Im Sommer seien Hotels und Ferienwohnungen in der Region regelmäßig ausgebucht. Die Besucher des Leipziger Neuseenlands kommen vor allem aus Sachsen, Thüringen und Baden Württemberg. Sechs Prozent von ihnen reisen sogar aus dem Ausland an, vor allem aus den Niederlanden und Österreich.
Die Tourismusregion besteht aus mehr als 20 Seen auf 70 Quadratkilometern. In den vergangenen 25 Jahren flossen mehr als zwei Milliarden Euro in die Sanierung ehemaliger Tagebauflächen rund um Leipzig. Ohne die Flutung der Braunkohlegruben würde der Eisvogel kaum durch den Leiziger Auwald fliegen - und die Touristen blieben aus. (dpa)