Fußball-Landesklasse Fußball-Landesklasse: Wer ist ein Spitzenteam?

Köthen - Christian Seiche ließ am vergangenen Sonnabend den Kopf hängen. Die SG Reppichau hatte gegen Rot-Weiß Kemberg trotz guter Möglichkeiten in der Schlussphase nur 2:2 gespielt. Für Seiche, den Kapitän, war das zu wenig. Als er dann auch noch hörte, dass zeitgleich der CFC Germania 03 mit 0:2 gegen Gräfenhainichen verloren hatte, trübte das seine Stimmung noch ein wenig mehr. „Da ist unser Ergebnis umso ärgerlicher“, sagte Seiche.
Keiner will Favorit sein
In so eine Aussage braucht man nach zehn Spieltagen nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Ein bisschen klingt sie aber schon nach verpasster Chance. Mit einem Sieg gegen Kemberg hätte sich die SGR auf den zweiten Platz der Landesklasse Staffel fünf verbessert und den Rückstand auf Gräfenhainichen bei zwei Punkten gehalten. Vor zwei Wochen war die Mannschaft von Trainer Sven Schreiter schon einmal Tabellenführer. Schreiter sagte aber unlängst, dass seine Elf noch kein Spitzenteam ist. Die Frage ist: Gibt es überhaupt irgendein Spitzenteam in der Staffel fünf?
Hört man sich bei den Vereinen um, die derzeit im oberen Drittel stehen, sieht sich keiner als Meisterschaftsfavorit. „Ich sehe uns, mit unseren Strukturen, nicht als Aufstiegskandidat“, sagte René Wiesegart, Trainer des VfB Gräfenhainichen, vor zwei Wochen. Die Erfolge gegen Reppichau (1:0) und den CFC (2:0) und der damit verbundene Sprung auf Platz eins dürften Wiesegarts Meinung nicht geändert haben, der VfB-Trainer gilt nicht als wankelmütig.
Nach drei Spieltagen war alles gut: Der ESV Lok Dessau stand mit neun Punkten auf dem zweiten Platz und träumte insgeheim vielleicht schon von einer der besten Spielzeiten der Vereinsgeschichte. Doch seither kam nur ein Punkt hinzu, Lok rutschte auf Platz zwölf ab. Dessau läuft Gefahr, nach September den zweiten Monat in Folge ohne Sieg zu bleiben. Die Mannschaft empfängt am Sonnabend um 14 Uhr die SG Reppichau. Zur gleichen Zeit tritt der CFC Germania 03 auswärts gegen Rot-Weiß Kemberg an. Nach zwei Niederlagen in Folge muss der CFC eine Reaktion zeigen.
Zurückhaltend äußert sich auch Michael Iwert. Iwert ist Abteilungsleiter Fußball bei Blau-Weiß Klieken, dem derzeitigen Dritten. „Ein Aufstieg ist bei uns kein Thema, weil der unsere Möglichkeiten sprengen würde“, sagt Iwert. Und wenn nun der Fall eintreten würde, dass Klieken nach dem letzten Spieltag mit Blick auf die Tabelle feststellen würde: Huch, wir sind ja Erster!? „Dann würden wir uns über die Meisterschaft freuen, auf das Aufstiegsrecht aber verzichten“, versichert Iwert. Andernorts hält man sich auch bedeckt. Union Sandersdorf II spielt einen guten Ball - und macht damit genau das, was Trainer René Höllrigl sich als Saisonziel gesetzt hat, nämlich: „Schönen Fußball spielen.“ Auch das ist kein Bekenntnis, aufsteigen zu wollen.
In den vergangenen drei Spielzeiten der Landesklasse Staffel fünf kristallisierten sich relativ frühzeitig die Favoriten heraus. 2013/14 startete der spätere Aufsteiger Grün-Weiß Annaburg schlecht, überzeugte dann aber Woche für Woche mit hohen Siegen. 2012/13 war die SG Ramsin das Maß der Dinge, sammelte 80 Punkte. 2011/12 war spätestens nach der Hinrunde klar, dass der SV Friedersdorf aufsteigen würde.
Friedersdorf und Piesteritz II?
In der Saison 2014/15 zeichnet sich aber bisher keine Mannschaft ab, die das Klassement dominieren könnte. Das spricht für eine ausgeglichene Staffel - und verspricht einen spannenden Aufstiegskampf, der vielleicht erst am letzten Spieltag entschieden wird, wie zuletzt in der Saison 2010/11, als der FC Bitterfeld-Wolfen nur aufgrund des besseren Torverhältnisses am letzten Spieltag die Führung von Allemannia Jessen übernahm und aufstieg.
Auf die Frage, wer denn an ihrer statt Aufstiegsfavorit ist, fallen in Gräfenhainichen und Klieken Namen, die vor der Saison vielerorts gefallen sind. Daran ändert auch der bisherige Saisonverlauf nichts. „Für mich ist Friedersdorf favorisiert“, sagt René Wiesegart. Der SVF steht derzeit auf Platz neun und hat zehn Punkte Rückstand auf die Spitze. Kliekens Michael Iwert räumt zwar ein, dass sein Staffelfavorit einen Fehlstart hingelegt hat, „aber die Piesteritzer Reserve darf man nicht unterschätzen, die machen ihr Ding noch“. Auch Piesteritz liegt zehn Zähler hinter Platz eins.
Die SG Reppichau und der CFC Germania wurden nicht genannt. Also direkte Nachfrage bei einem Köthener Spieler. Marcel Osoria, Mittelfeld-Motor beim CFC und vielbeschäftigter Student, bekommt per SMS die Frage gestellt, ob denn der CFC eigentlich ein Aufstiegskandidat sei? „Wenn wir wieder dorthin kommen, wo wir am Anfang der Saison waren“, antwortet Osoria, „können wir sicherlich oben mitspielen. Aber grundsätzlich würde ich sagen: Nein.“ (mz)
