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Kriegsfotograf Kriegsfotograf: Knut Müller zieht es immer wieder nach Halle zurück

Von Steffen Reichert 15.09.2005, 17:50

Halle/MZ. - Nun gut, er gibt es ja zu. Es war dieser Film mit Nick Nolte. Dieser Kinostreifen, in dem der Fotoreporter in alle Ecken dieser Welt reist und allem Granatenhagel zum Trotz in schummrigen Hotellobbys übernachtet. Wo er stolz seine "Nikon" zum Einsatz bringt und schließlich nikaraguanische Rebellen begleiten darf. Das war "Under Fire" aus Hollywood, und genau so wollte auch Knut Müller sein.

Es gab da nur ein winziges Problem. Knut Müller lebte in Halle, DDR, und hatte an der Burg Giebichenstein Design studiert. Für einen, der damals privat mit der "Practica" fotografierte und nicht als offizieller Fotograf arbeitete, lag das Ende der Welt also allenfalls im bulgarischen Varna - im Urlaub. "Genau das war aber nicht mein Ding", erzählt der Fotograf.

Denn Müller, 53 Jahre alt, ist ein unkonventioneller Typ. Er trägt Jeans und spitze Schuhe. Er sagt, was er denkt, und er denkt in Bildern. Die Haare waren und sind schulterlang, das Handy ist stets griffbereit. Es kann passieren, dass es plötzlich klingelt und sich eine Redaktion am anderen Ende meldet. Afghanistan, Irak, der Kaukasus - Abflug in zwölf Stunden. Müller würde also im Café seinen Cappuccino zahlen und von dannen ziehen. Er hat sich seinen Traum verwirklicht. Aus dem halleschen Hobbyfotografen von einst ist der Kriegsfotograf geworden.

Ärger für Funktionäre

Es begann mit einem Ausreiseantrag. Müller, der im Nachkriegs-Halle aufwuchs, nach dem Studium in der DDR als Freiberufler arbeitete und davon "gut leben konnte", hatte festgehalten, was jeder in der DDR der Achtziger sehen konnte: verfallene Innenstädte, Spruchbänder mit Politparolen und qualmende Schlote. "Das waren die Fotos, die jeder machte", sagt er. Nichts wirklich Neues, eher Selbstbestätigung, aber durchaus zum Ärger der Funktionäre. Richtig Ärger gab es, als er 1986 von einer Reportagereise im Verband Bildender Künstler nach Sibirien zurückkehrte und Russland zeigte, wie es wirklich war: arme Dörfer, verhärmte Bauern, Jugend ohne Illusionen.

Als die Bilder dann auch noch in der Praxis eines befreundeten Zahnarztes in Halle ausgestellt wurden, war es endgültig vorbei. Das Ausreiseverfahren beschleunigte sich so, dass der Hallenser mittags erfuhr, dass er mit seiner Familie bis Mitternacht die DDR zu verlassen habe. Kein leichter Gang. "Hier ließ ich alles zurück, was mir wichtig war." Die Verwandten, die Freunde, die Möbel.

Mit Frau und Kind begann der Familienvater sein neues Leben in Hamburg. Jener Stadt, die wie keine andere in Deutschland für Medien, für Hochglanzmagazine, für Auslandaufträge steht. Im Rückblick muss der Fotograf dann doch lachen. "Eine Bewerbungsmappe allein reicht nicht." Er musste die Sorge zerstreuen, ob am Ende eines Auftrages wirklich ein brauchbares Foto entstanden ist.

Eigene Agentur

Müller, der mit Freunden schließlich die Agentur "Magma" gründete, bewies, dass er hellwach ist. Zuerst suchte er sich mit Reportagen über Ostdeutsche im Westen seine Nische. 1989 reiste er nach Rumänien und erlebte seinen "ersten kurzen Bürgerkrieg". Er lieferte die Fotos für die Illustrierten. Von da an war er dicke im Geschäft. Und so viel mit dem "Wanderzirkus Foto" (Müller) weltweit unterwegs, dass seine Ehe in die Brüche ging.

Jetzt ist er gerade aus Afghanistan zurück. Drei Wochen reiste er, begleitet von Sicherheitsleuten, mit Kollegen in jene Region, in der die Taliban normalerweise jeden Europäer töten. Er hat längst "Augen im Rücken". Er lehnt es vehement ab, Waffen anzufassen, "weil du dann zwischen die Fronten gerätst". Nur so konnte Müller in den Bergen über Kabul den Wahlkampf festhalten, der bis Sonntag läuft. Ob Afghanistan oder Somalia - "am Ende", so hat er für sich gelernt, "sind es immer die selben Motive." Seine Bilder erzählen von Liebe, von Hass und von Wut. "Und die liegen oft dicht an der Oberfläche."

Müller hat bei all den Reisen für sich entschieden, dass die Heimat ihm näher ist als der Hindukusch. So zieht es ihn wieder häufiger nach Halle. Er hat sich dort neu verliebt, er hat begonnen, Kunst zu fotografieren. Müller hat seine Ruhe gefunden. Als er jüngst drei Tage auf der Saale paddeln war, hat er sogar sein Handy abgeschaltet.