"Keinen Bezug mehr zur Realität" "Keinen Bezug mehr zur Realität": Honeckers Haushälterin packt über ehemaligen Chef aus

Halle (Saale) - Alles wird gut, denn ich bin wieder da. Diesen Eindruck zumindest will Erich Honecker vermitteln, als er Mitte September nach beinahe drei Monaten Krankheit wieder zu einer Politbürositzung in Berlin auftaucht. „So, da wären wir wieder“, begrüßt der 77-Jährige seine Genossen leutselig. Die haben zuletzt von ihrem Chef gehört, als der sich Mitte August bei der Übergabe eines sogenannten Funktionsmusters des 32-bit-Mikroprozessors im Kombinat Mikroelektronik Erfurt als Dichter versucht hatte. Sein Satz „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf!“ schlägt Wellen, aber ganz anders, als Erich Honecker sich das versprochen hat. Statt wie ein optimistisches Zukunftsversprechen klingt der Satz in den Ohren der DDR-Bürger wie eine Drohung.
Honecker wollte Staatskrise aussitzen
Honecker, der weder zur ungarischen Grenzöffnung noch zur nachfolgenden Flucht hunderter DDR-Bürger nach Österreich einen Kommentar abgegeben hatte, scheint fest entschlossen, die Staatskrise, in die die DDR getaumelt ist, durch Aussitzen zu überstehen. Stur lässt er die komplette Öffnung der ungarischen Grenze als „organisierten Menschenhandel“ bezeichnen, die Oppositionsbewegung Neues Forum bekommt den Stempel einer staatsfeindlichen Organisation und er besteht darauf, die in der Prager Botschaft der Bundesrepublik ausharrenden DDR-Flüchtlinge nur ausreisen zu lassen, wenn der Transport über das Hoheitsgebiet der DDR führt.
Honecker, so beobachtet es seine damalige Haushälterin Ulrike Heinke, hat sich in jenen stürmischen Herbsttagen des Jahres 1989 ganz und gar in seiner eigenen Welt eingemauert. „Draußen war die Kacke am Dampfen, das haben alle mitbekommen, die hier gearbeitet haben“, sagt die kleine Frau mit den flinken Augen, die ihr gesamtes Arbeitsleben als Hausangestellte in der Politbüro-Siedlung Wandlitz nördlich von Berlin verbrachte. Honecker aber lebte weiter, als gäbe es keine Fluchtwelle, keine Montagsdemos, keine Notwendigkeit, auf die sich zuspitzende Situation zu reagieren.
Wie die Hausangestellten arbeiteten und was für Arbeitgeber die Honeckers waren, lesen Sie auf Seite 2.
„Morgens kam er immer die Treppe runter, in Latschen, die Haare verwühlt, noch ein bisschen abwesend“, erinnert sie sich an ihren letzten Chef. Drei Hausangestellte sind sie bei Honeckers, alle gehören zum Ministerium für Staatssicherheit, alle arbeiten in drei Schichten früh, mittags und abends, kochen, putzen, erledigen Besorgungen und Wäsche für das Herrscherpaar. Das lebt nach den Beobachtungen von Ulrike Heinke nahezu anspruchslos vor sich hin. „Das Haus war möbliert, als sie einzogen, diese Möbel blieben die ganze Zeit drin.“ Schmucklos und bescheiden ist die Behausung von Margot und Erich, es kommt auch kaum jemals jemand zu Besuch.
Gute Arbeitgeber
„Als die Kinder kleiner waren, da gab es auch mal Geburtstagsfeiern mit anderen Familien aus der Spitze“, erinnert sich Heinke, „aber später hat das völlig aufgehört.“ Die Honeckers sind gute Arbeitgeber, zum Geburtstag stoßen sie mit ihren Angestellten an. Zuweilen darf sich die eine oder andere Haushaltshilfe auch einen Teppich mit nach Hause nehmen, den Erich Honecker bei einem Staatsbesuch geschenkt bekommen hat. „Er sagte, er braucht das nicht, komm, Uli, such Dir einen aus.“ Honecker ertüchtigt sich jetzt mit Manfred von Ardennes Sauerstoff-Therapie, zu der Erich Mielke ihm geraten hat. „Das hat ihn immer belebt.“ Zudem geht er jagen. „Aber mehr war da nicht.“
Die letzte Phase im Herbst ist geradezu traurig anzusehen, selbst für Ulrike Heinke, die immer noch an die DDR glaubt. „Uns haben sie Schulungen verpasst, damit wir wissen, was wir machen müssen, wenn hier vorm Tor Leute mit Plakaten auftauchen.“ Honecker aber tut so, als sei alles in bester Ordnung in seinem Land. Die Parteizeitung Neues Deutschland lässt er einen Kommentar drucken, in dem er die Botschaftsflüchtlinge beschuldigt, „durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt“ zu haben. „Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen“, empfiehlt Erich Honecker.
Warum Honecker am 7. Oktober noch bester Laune war, lesen Sie auf Seite 3.
Selbst die Hausangestellten, im Sold des MfS und nach eigener Überzeugung im Dienst einer guten Sache unterwegs, schütteln da nur noch den Kopf. „Aber wir sollten ja wie das Hemd auf dem Hintern sein, wir durften ja nichts sagen.“ Seinen Teil gedacht habe man sich natürlich und auch der Respekt vor den Politbüro-Göttern schrumpfte. „Eine Kollegin von mir hat dann sogar mal gefragt, ob Honecker ihr nicht helfen könne, weil die Familie unbedingt ein neues Auto brauchte.“ Monate zuvor undenkbar - jetzt aber, während er nach außen den eisernen Erich markiert, reagiert Honecker im kleinen Kreis wie ein Kumpel: „Wir haben gestaunt, aber er war nicht böse, sondern hat das Auto wirklich besorgt.“
„Du armer Mann, du hast ja gar keinen Bezug mehr zur Realität“
Die Erosion der Macht geht am Abend des 7. Oktober in ihre letzte Phase. Ulrike Heinke bügelt im Keller des Honecker-Hauses, als der Hausherr allein von der großen Geburtstagsfeier im Palast der Republik zurückkehrt. Aufgekratzt sei er gewesen, bester Stimmung und auf der Suche nach einem Gesprächspartner. „Uli, Uli, so schön war die Feier“, habe Honecker berichtet, erinnert sich Ulrike Heinke. „Und die Leute haben so gejubelt“, habe er sich gefreut. Die treue Seele des Honecker-Haushaltes nickt und schweigt. „Und im Inneren dachte ich mir, du armer Mann, du hast ja gar keinen Bezug mehr zur Realität.“
Es ist der 8. Oktober 1989 morgens. Zehn Tage später wird Erich Honecker alle seine Ämter verlieren und kurz vor Weihnachten muss er dann auch das Haus 11 in der Waldsiedlung verlassen. „Möbel, Plastiken, Bilder und jede Menge privater Dinge wurden dann auf dem Brandplatz ganz in der Nähe verfeuert.“ (mz)
