Halle Halle: Marsch durch die Epochen
Halle/MZ. - Wie lebten unsere Vorfahren? Die neue Ausstellung in Halle beschreibt anschaulich, wie es in vorgeschichtlichen Zeiten gewesen sein könnte.
Der Mensch, sagt man, stellt sich seit Urzeiten die Frage "Woher kommen wir?". Eine Antwort darauf findet er inzwischen nirgendwo besser als im halleschen Museum für Vorgeschichte. Seit Harald Meller als Landesarchäologe 2001 das gut hundertjährige Haus übernommen hat, holt er Tonscherben, Faustkeile, Halsketten und Knochen aus den Vitrinen in ein Leben zurück, wie es gewesen sein könnte.
Und Menschen aus der Stadt haben den Kopf hingehalten, um seine These von der geraden Linie aus dem Einst ins Jetzt mit hundert Gipsmasken zu illustrieren. Sage also keiner, es sei nur die Himmelsscheibe, die alle anlockt. Ein Jahr, nachdem das Haus komplett saniert, die Werkstatt und die Denkmalbehörde ausquartiert wurden, sind mit der Jungsteinzeit und der Bronzezeit die nächsten, und wiederum mitreißend erzählten Kapitel der Menschheitsgeschichte aufgeschlagen. Nach wie vor hat das Team keine Scheu vor griffigen Bildern und medialen Effekten.
Dramatisches Szenario
Im nunmehr voll erschlossenen Obergeschoss ist man ja schon dem "Denker" begegnet, der in der Altsteinzeit die Natur zu beherrschen lernte. Wo Mellers Hofmaler Karol Schauer die Neandertalfrau in den Sonnenuntergang und ihr vollbusiges Pendant der Spezies Homo sapiens in die Zukunft schreiten ließ, da öffnet sich jetzt das nächste dramatische Szenario.
Der schicksalsschwere Umbruch ist der Griff des Menschen nach der Natur. Ein brandgerodeter Wald signalisiert den Beginn der Sesshaftigkeit und des bäuerlichen Lebens. Wie das zuging, ist bildstark wie alles in diesem Haus inszeniert. Unzählige Steinbeile regnen auf einen Baumstamm herab, und sie scheinen noch die holzgezimmerten Vitrinen des Raumes behauen zu haben. Ein Rinderskelett steht wie im Gehege. Aus Fenstern schauen die Schädel der domestizierten Tiere, die den Menschen fortan begleiteten, nährten, wärmten, aber auch krank machten.
Anfänge in der Börde
Das älteste Dorf im Land, erfährt man, lag vor Eilsleben im Bördekreis. Häuser flüchteten sich hinter Gräben, die Spuren von Beschwörungskulten bargen. Ihnen fielen wohl auch Menschen zum Opfer. Was die Funde sonst noch erzählen, ist in Schubladen verstaut. In den Vitrinen entlang der Wände scheinen die Gegenstände zu schweben, die unabdingbar waren für diese Häuslichkeit - Gefäße in ornamentaler Keramik, nach deren Stil ganze Kulturen benannt sind. Die Beleuchtungseffekte sind noch raffinierter geworden, ein Ergebnis hausinterner Lust am Experimentieren. Niemand profitiert davon so sehr wie die Kinder, die an jeder Station ihren Einstieg in die Geschichte finden. Modelle von filigraner Lebendigkeit zeigen, wie man im Pfahlhaus wohnte oder ein Hügelgrab baute.
Aber im Grunde ist alles, was in diesen Räumen geschieht, universal, geradezu biblisch. Wie das Rauben und Morden anfing, zum Beispiel, das haben die Mütter und Kinder erfahren, die vor 4 600 Jahren lebten, wo heute der Naumburger Ortsteil Eulau liegt. Erst 2005 wurden ihre Gräber entdeckt, in denen sie in liebevoller Umarmung einander zugewandt sind. Sie waren Opfer eines Überfalls, von Pfeilen durchbohrt und die Schädel zerschmettert - aber im Jenseits vereint in einem Urbild familiärer Liebe, das sich nie ändern wird.
Glanz der Waffen
Und natürlich sind auch der Drang nach Reichtum, nach Macht und Wissen kein fremdes Phänomen. Die Bronzezeit wird zum ersten Gipfelpunkt dieses Strebens - im Glanz der Waffen, die kiloweise aus den Grabhügeln von Dieskau gehoben wurden. Und die so banal wirken neben dem Kosmos auf der Himmelsscheibe. Diesen zu erklären, ist Aufgabe eines ganzen Raumes. Doch davon bleibt das Heiligtum unberührt, in dem der in Grün und Gold schimmernde Teller unter einem sachte kreisenden Sternhimmel in schwarzdunkler Nacht sein Geheimnis bewahrt.