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"Grüner Daumen" "Grüner Daumen": Paradies für Städter durch Corona im Märchenschlaf

Von Robert Martin 21.06.2020, 15:03
Nicole Erben (links) pflückt mit Kim Schadewald (hinten) und Lisa Marie Berger auf dem Gelände des „Grünen Daumen“ Erdbeeren.
Nicole Erben (links) pflückt mit Kim Schadewald (hinten) und Lisa Marie Berger auf dem Gelände des „Grünen Daumen“ Erdbeeren. Ute Nicklisch

Köthen - Von der Straße aus sind diesmal keine Kinderstimmen zu hören. „Der Grüne Daumen ist derzeit im Märchenschlaf“, sagt Nicole Erben zur Begrüßung. Hier steht alles noch im Zeichen von Corona. Das heißt: Bis auf die Vereinsvorsitzende Nicole Erben und ihren Mann Bernd Bergner, seines Zeichens Imker vom Dienst, sind bei diesem Besuch des Gemeinschaftsgartens nur wenige Menschen auf dem riesigen Gelände in Köthen.

Normalerweise wäre alles voll

Dabei sieht es dort sonst ganz anders aus. „Normalerweise“, erklärt Bernd Bergner, „wäre hier im Juni alles voll.“ „Mindestens 50 Kinder pro Woche“, ergänzt seine Frau nickend. Aus Kindergärten, Schulen, Horten. Und in den gerade zurückliegenden Pfingstferien wäre noch viel mehr los gewesen. Aufgrund der wegen der Pandemie geltenden Abstandsregelungen ist daran derzeit nicht zu denken, deswegen bleiben die Tore des „Grünen Daumen“ an der Köthener Friedrich-Engels-Straße zu.

Der Verein ging im Mai 2016 aus dem Schulprojekt „Grüner Daumen“ der Sekundarschule „Völkerfreundschaft“ in Köthen hervor. Das Anliegen: Kinder und Jugendliche in Naturthemen weiterbilden und ihr Interesse für grüne Berufe wecken. Seit 2011 bestand es als schulisches Projekt. Erben betreute es bereits damals in ihrem Hauptberuf als Schulsozialarbeiterin an der Sekundarschule.

Bei einem Rundgang über das 4.000 Quadratmeter große Areal wird schnell deutlich, warum es sich um ein Paradies für kleine und große Städter handelt. Das Herz des Gartens bildet das große Gewächshaus, in welchem das ganze Jahr über Pflanzen gezogen werden. Im Juni ist es hier selbst bei bewölktem Himmel tropisch heiß. Um das Gewächshaus herum befinden sich die Beete - neben den Bienenstauden, wo es lebendig summt, lädt das Erdbeerfeld zum Naschen.

Auf der anderen Seite des Gewächshauses sieht es ein wenig wilder aus. Vorbei an einer Wiese zum Fußballspielen und Zelten kann man durch ein niedriges Tor den hinteren Bereich des Gartens betreten, den sich die Schafe mit den Bienen teilen. Die kleine Schafsherde, vor drei Wochen durch ein Lamm verstärkt, grast friedlich, ein paar schauen neugierig zu den Zweibeinern herüber. „Selbst die Coolsten werden ganz klein, wenn sie hier echte Tier sehen“, berichtet Bernd Bergner. Ein paar Meter weiter beginnt sein Reich: Der ausgebildete Imker kümmert sich um die Bienenvölker.

Zu entdecken gibt es viele besondere Ecken, aber was den „Grünen Daumen“ am meisten auszeichnet, ist der soziale Ansatz. Für eine Tagespauschale von 3,50 Euro können Kinder unabhängig vom Einkommen der Eltern einen ganzen Tag dort verbringen, toben, essen - einfach Kind sein. Wenn es denn wieder losgeht, natürlich.

Bis dahin werden die Pflanzen gepflegt und Ideen geschmiedet. Durch die fehlenden Kinder bleiben auch die Einnahmen aus. „Uns fehlt ein Tausender“, fasst Bernd Bergner zusammen. Die komplett ehrenamtlich arbeitenden Helfer sind ebenso wie Erben und Bergner in ihrer Freizeit dort, weil sie überzeugt sind. Man spürt die Begeisterung, wenn sie darüber reden.

Dankbarkeit für „Wir helfen“

„Wir helfen“ hat den „Grünen Daumen“ zuletzt mit 1.000 Euro für ein Lernprojekt um Licht und Energie unterstützt. „Es geht um Sonne und Klimaschutz“, erklärt Erben, das Projekt soll nach der Wiederöffnung starten und Kinder für die Kraft der Sonne sensibilisieren. Mit kleinen Solarmodulen und Plastikflaschen.

Mit „Wir helfen“ habe sie gute Erfahrungen gemacht, erzählt Erben. „Ohne viel Papierkram und sehr persönlich“ sei es damals für sie gestartet. „Die MZ war der erst Sponsor, dank dem wir unsere Pacht zahlen konnten. Ohne diese Unterstützung würde es uns gar nicht geben“, sagt sie. (mz)