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Endzeit Endzeit: Der Untergang

Von Steffen Könau 04.05.2012, 16:33

Halle (Saale)/MZ. - Das riesige Tor öffnet sich nicht mit einem Quietschen. Es öffnet sich gar nicht. Nur durch eine kleine Stahltür geht es hinein in den Berg, der die letzte Hoffnung der Menschheit auf ein Überleben der finalen Tage der Welt ist, wie wir sie kennen. Keine acht Monate mehr, dann hat die Herrlichkeit ein Ende, dann verlischt die kleine Kerze der Zivilisation im namenlosen Grauen eines Untergangs, von dem noch niemand zu sagen weiß, wie er genau vonstatten gehen wird.

Nur dass er kommt, genau wie von den Maya vor hunderten von Jahren vorhergesagt (siehe "Irrtum als Auslöser"), daran glauben Hunderttausende ganz fest. Alles Leben endet, eine große Flut spült Städte und Dörfer fort, der Mensch wird Geschichte. Abgesehen von den paar hundert Leuten, die sich vorsichtshalber hierher geflüchtet haben, in den Berg in der Nähe von Pirna, in die langen, dunklen Gänge hinter der Eisentür.

Werner Demand selbst glaubt überhaupt kein bisschen an den Maya-Hokuspokus. Allerdings glaubt er an seinen Bunker. Den hat der Chef des örtlichen Motorradklubs vor ein paar Jahren gemeinsam mit seinen Biker-Brüdern von der staatlichen Liegenschaftsgesellschaft gekauft. "Wir hatten uns vorher hier mit unserem Klubheim eingemietet", sagt der schnauzbärtige Mann im Militärdrillich, "als es dann zu haben war, haben wir nicht lange überlegt."

Das Gelände ist unüberschaubar und für Uneingeweihte kaum zu entdecken. Ein Drahtzaun läuft ringsherum, der Bunker selbst, immerhin so groß wie ein Fußballplatz, lässt sich von außen nicht einmal erahnen. Bis kurz vor dem Ende der DDR hat die Nationale Volksarmee im Fels gegraben, um Platz für ein neues Munitionslager zu schaffen. Jetzt soll hier die Arche stehen, mit der Demand und die übrigen Klubmitglieder auf die andere Seite des Weltuntergangs schippern. Aus dem Plan, ein paar hundert Bunkerplätze über das Internet zu verkaufen, ist zwar erst einmal nichts geworden, weil die Aktion nicht nur begeisterte Bieter in aller Welt, sondern auch harsche Kritiker in der Nachbarschaft fand. Demand hatte eigentlich geplant, 400 Bunkerplätze zu verkaufen und in die 2,8 Kilometer langen Bunkergänge mit Hilfe der Einnahmen neue Sanitäranlagen und eine neue Notstromanlage einzubauen. Nun muss es so gehen, sagt er. Immerhin: Sollte es wirklich ernst werden mit den Ende der Erde, hätten die Pirnaer Biker einen Rückzugsort, der selbst einem nahen Kometeneinschlag trotzen würde.

Und ein Komet oder irgend so etwas wird es wohl werden, glauben die Anhänger der populären These vom "Planeten X", der im Dezember wie aus dem Nichts am Himmel auftauchen und wenige Wochen später alles Leben zerschmettern werde. Gut, wenn man dann vorgesorgt hat, sagen Endzeit-Propheten wie der Österreicher Dieter Broers oder sein deutscher Kollege Karl Leopold von Lichtenfels, die ab Dezember entweder einen "Evolutionssprung für die ganze Menschheit" (Broers) oder aber schrecklich dunkle und fürchterliche Zeiten kommen sehen.

Sicher ist sicher, glauben inzwischen Zehntausende, die sich in Internetforen und Chatrooms über die richtigen Schritte weg von der Konsumgesellschaft und hin zu einem Leben informieren, das auch noch funktioniert, wenn kein Wasser mehr aus dem Hahn und kein Strom mehr aus der Leitung kommt. Man müsse kein Hysteriker sein, um angesichts von Wirtschaftskrisen und Atomkatastrophen, drohendem Krieg in Nahost und wackliger Zukunft des Euro darüber nachzudenken, "ob es nicht Zeit ist, über den schlimmsten Fall nachzudenken", sagt die 36-jährige Elke aus Süddeutschland. Schon vor zwei Jahren hat sie sich ein Häuschen samt Grundstück im Süden Sachsen-Anhalts zugelegt, um einen Fluchtort zu haben, wenn es eines Tages ganz schlimm wird. "Ich rechne ja damit, dass nach dem Zusammenbruch in den Städten Anarchie herrscht", sagt sie. Auf staatliche Institutionen werde man sich dann genau so wenig verlassen können wie darauf, dass es im Supermarkt noch etwas zu kaufen gebe. "Wir haben deshalb den Brunnen wieder in Gang gebracht und Nahrungsmittel eingelagert." Derzeit übt die überlebenswillige technische Angestellte eines Großkonzerns sich gemeinsam mit Mann und 15-jähriger Tochter in Landwirtschaft. Beinahe jedes Wochenende kommen sie die 500 Kilometer, oft mit Baumaterial und immer mit Konserven im Kofferraum. Im Frühjahr sollen erstmals Kartoffeln, Tomaten, Kräuter und Gemüse im Garten wachsen. "Wir sind gespannt, was die erste eigene Ernte bringen wird."

Hasen und Hühner, Ziegenhaltung und Früchteverarbeitung, Bienenzucht und der richtige Umgang mit Wasserfiltern - ein ganzes Biotop, versteckt im Unterholz des Internet, beschäftigt sich hingebungsvoll mit der Vorbereitung der kollektiven Rückkehr in die Steinzeitwirtschaft. Der Untergang ist hier weniger Drohkulisse als Aussicht auf einen Neuanfang. Während Spaßvögel im Netz Tickets für die "sieben Rettungs-Archen der Minestic Corporation" anbieten, die am 20. Dezember um 18 Uhr an einem geheimen Ort in China ablegen werden, nehmen Selbstversorger und Endzeitexperten die Aussicht auf die Zeitenwende eher als eine Art Auszeichnung.

Dabeisein, wenn alles endet! Und überleben, weil man im Unterschied zu allen anderen richtig geplant hat. Kann es etwas Schöneres geben als die Aussicht, die entscheidenden Momente der Menschheit angstlos miterleben zu dürfen?

Gerade Ostdeutschland mit seinen weiten, dünn bevölkerten Landstrichen gilt in der Szene als sicherer Tipp für ein Leben nach dem Tod. Abgelegene Bauernhöfe sind günstiger als in den alten Ländern und "an die andere Mentalität der Leute kann man sich auch gewöhnen", wie Elke beschreibt. Dass andere lachen, wenn Selbstversorger wie Elke am Wochenende einen Hühnerzaun aus Haselstangen flechten, statt einfach mal die Füße baumeln zu lassen, ist egal. Ob wegen der Maya-Prophezeiung oder wegen der Eurokrise, ob im Bunker oder im Bauernhof mitten im Niemandsland: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.