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Dominique Görlitz aus Gotha Dominique Görlitz aus Gotha: Thüringer will Geheimnis der Cheops-Pyramide gelöst haben

Von steffen könau 22.08.2015, 20:49
Beim Projekt Cheops untersuchten Dominique Görlitz und sein Kollege Stefan Erdmann die Pyramide von Gizeh.
Beim Projekt Cheops untersuchten Dominique Görlitz und sein Kollege Stefan Erdmann die Pyramide von Gizeh. Frank Höfer Lizenz

Halle (Saale) - Das Satelliten-GPS schwindelt nicht. Und es zeigt trotzdem, was es nicht zeigen kann, nicht zeigen darf. „Wir sind 75 Grad am Wind gesegelt“, freut sich Dominique Görlitz lächelnd, „da hat Thor Heyerdahl aus dem Himmel runtergeschaut und geweint.“

Wieso, weshalb? Warum? Weil Görlitz, geboren in Gotha und schon als Schüler ein begeisterter Fan des norwegischen Schilfbootseglers, mit seiner kleinen Crew nicht auf einem normalen Segelschiff unterwegs war. Sondern auf der „Dilmun S“, einem Schiff aus Polystyrol, dessen Bauart ganz den Vorlagen von vorägyptischen Felsbildern entspricht. „Generationen von Schifffahrtshistorikern haben mir erzählt, dass so ein Boot nicht gegen den Wind segeln kann“, lacht der 49-Jährige, „und wir haben gezeigt, es kann doch.“

Bei einem Kongress im Galileo-Park Lennestadt werden Dominique Görlitz und Stefan Erdmann die Ergebnisse ihrer Forschungen in Ägypten und ihre darauf beruhenden Theorien an diesem Wochenende vorstellen. Im Verlauf der zweitägigen Zusammenkunft im sauerländischen Wissens- und Rätselpark treten zudem der Ägyptologe David Rohl und der Bestseller-Autor Robert Bauval („Orion-Mystery“) auf. Görlitz und Erdmann wollen zudem in einem Live-Experiment vorführen, wie die alten Ägypter ihrer Ansicht nach tonnenschwere Granitklötze bewegt haben. Nachlesen lässt sich das auch in ihrem Buch „Das Cheops-Projekt“ (Kopp, 22,95 Euro) 

Was klingt wie eine Entscheidung in einem abseitigen wissenschaftlichen Streit, könnte die Weltgeschichte verändern. „Ich glaube, dass unsere Vorfahren schon in der Steinzeit in der Lage waren, den Atlantik zu überqueren“, beschreibt Dominique Görlitz die Tragweite seiner Entdeckung. Nikotin- und Kokainspuren, die in der Mumie des Pharao Ramses II. gefunden wurden, aber auch in ägyptischen Gräbern entdeckte Reste von Käfern aus Mexiko wären so erklärbar. „Es gab damals schon einen Austausch zwischen alter und neuer Welt“, ist Görlitz überzeugt.

Religiöser Eifer und große Begeisterung allein heben keine Steine von 60 Tonnen

Doch nicht nur beim globalen Handel will der studierte Lehrer und Biologe, der gerade mit einer Arbeit über die vorzeitliche Ausbreitung von Kulturpflanzen seinen Doktor gemacht hat, ein Stück Geschichte neu schreiben. Görlitz, der als Zehnjähriger mit roten Ohren Heyerdahls Expeditionsberichte von der „Kon Tiki“ verschlang und als Elfjähriger sein erstes Schilfboot bastelte, suchte zuletzt in Ägypten nach alternativen Erklärungen, wie die frühen Ägypter es schafften, ihre gigantischen Pyramiden in die Wüste zu stellen. „Religiöser Eifer und große Begeisterung allein heben keine Steine von 60 Tonnen.“

Das tue nur ein Plan, dem große Ingenieurkunst zugrunde liege. „Ein Pharao kann sich zwar wünschen eine Pyramide zu bauen, aber die technologischen Voraussetzungen müssen Ingenieure schaffen.“ Bisher war die wissenschaftliche Welt einig, dass die große Pyramide von Gizeh und ihre Schwestern mittels riesiger aufgeschütteter Rampen gebaut wurden. Schließlich, so die Erkenntnisse bis hierhin, hätten die Menschen damals nur über Stein- und Kupferwerkzeuge verfügt. „Mit denen wäre es unmöglich gewesen, Hebezüge zu bauen, um die gewaltigen Granitquader zu bewegen.“

Zusammen mit Stefan Erdmann, einem niedersächsischen Buchautoren, der seit Jahren ganz eigene Theorien über die Entstehung der Pyramiden vertritt, entnahm Görlitz in der Cheops-Pyramide Proben von der Decke der Königskammer - „50 Milligramm einer schwarzen Patina“, sagt er. Und beteuert: „Wir hatten alle Genehmigungen dafür und wir standen die ganze Zeit unter Aufsicht von Beamten der Altertumsverwaltung.“

Dennoch wird aus der Probenentnahme ein politischer Skandal, der den Forscher aus Thüringen zeitweise sogar zum Gegenstand diplomatischer Verwicklungen macht. Ägyptische Mitarbeiter, darunter auch die Beamten der Altertumsverwaltung, werden verhaftet, angeklagt und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Görlitz, Erdmann und einen Kameramann, der ihre Arbeit in der Pyramide dokumentiert hatte, trifft in Abwesenheit dasselbe Urteil. Und daheim in Deutschland folgt nach einer Anzeige aus Ägypten ein Strafbefehl. „Den wir akzeptiert haben, als klar war, dass wir für die Mitnahme der Materialproben weitere Genehmigungen benötigt hätten“, erklärt Dominique Görlitz, der die Proben über das Wissenschaftsministerium an den ägyptischen Botschafter in Berlin zurückgeben ließ, um den inhaftierten Ägyptern zu helfen.

Die wissenschaftliche Welt reagiert mit Ignoranz.

Die aber sitzen immer noch im Gefängnis, konfrontiert mit Vorwürfen, sie seien Teil einer „Verschwörung“, die habe beweisen wollen, „dass die Pyramide ein jüdisches und kein ägyptisches Produkt“ ist, wie der frühere Altertumsminister Zahi Hawass behauptete. Ein Krimi, in dem mitzuspielen Dominique Görlitz sich nicht gedrängt hat. Dem Wahl-Chemnitzer, der seine ersten beiden großen Experimentalschiffe im sächsischen Borna mit einer Schüler-Arbeitsgemeinschaft per Hand flocht, hätten die Analyseergebnisse des Dresdner Institut Fresenius gereicht: Danach befinden sich an der Decke der Königskammer des Cheops Spuren magnetithaltigen Eisens. Was das ist? Nichts weniger als eine Sensation! Denn „das legt nahe, dass es sich um Arbeitsspuren technischer Gerätschaften handelt, die bei der Errichtung der Pyramide verwendet worden sind“, wie Dominique Görlitz glaubt. Statt der großen Rampen hätten die Erbauer der imposantesten Bauwerke der Vorzeit womöglich eine Art Kran benutzt. Wäre das so, müsste das Bild der alten Ägypter neu gemalt, ein ganzes Kapitel der Weltgeschichte müsste neu geschrieben werden.

Doch so weit, da ist sich Dominique Görlitz fast sicher, wird es nicht kommen. Denn statt Applaus für ihre neuen Erkenntnisse aus der Königskammer zu bekommen, ist es wieder genau wie damals vor acht Jahren, als es Görlitz mit seiner kleinen Mannschaft auf dem zwölf Meter langen Schilfschiff Abora III beinahe tatsächlich gelang, den Atlantik zu überqueren. Die wissenschaftliche Welt reagiert mit Ignoranz. Und Schweigen.

„Sie lassen es einen spüren, wenn man ihr Forschungsprivileg bricht“, kritisiert der Quereinsteiger Görlitz den etablierten Wissenschaftsbetrieb. Dort gebe es einen Hang, an Bekanntem festzuhalten und sich gegenseitig zu bestätigen, statt einander in Frage zu stellen. „Doch wer nicht immer weiter Fragen stellt, um sich selber zu überprüfen, der hilft nicht, heutige und morgige Probleme zu lösen.“

Das aber ist es, was die wissenschaftliche Ich-AG Dominique Görlitz eigentlich antreibt. Nicht Ruhm, nicht Anerkennung, nicht das große Geld. Der Forscher schüttelt den Kopf. „Wenn ich darauf aus wäre, würde ich längst in der Ecke sitzen und weinen.“ Stünde seine Lebensgefährtin Cornelia Lorenz nicht seit 25 Jahren hinter ihm, „hätte ich es nicht mal bis hierher geschafft“, sagt Görlitz.

Der Beruf des freien Forschers ist etwas für Überzeugungstäter. Er erfordert Multitalente, hat keine festen Arbeitszeiten und kennt keine Sicherheit. „Ich bin Organisator der Expeditionen, ich putze Klinken bei Sponsoren, ich forsche, experimentiere und schreibe Bücher.“ Der Arbeitsaufwand ist enorm, der Ertrag bescheiden. „Das geht knapp an Hartz IV vorbei“, sagt Görlitz, und schränkt ein: „Wenn es gut läuft.“ Ein Traumjob, der Traumreisen bringt, die Görlitz amüsiert so zusammenfasst: „Man gibt viel Geld aus, um irgendwo hinzufahren, wo man nass und krank wird, und wenn man zurückkehrt, bekommt man von Forscherkollegen einen Tritt in den Hintern.“

Was für ein Spaß, immer noch. Dominique Görlitz liebt seinen Beruf für die Möglichkeit, „altes Wissen zu vernichten“. Seine Art des Herangehens sei eine ganz andere als die in Deutschland übliche, sagt er. „Hierzulande ist Experimentalarchäologie ja völlig unterbelichtet.“ An kaum einer Uni würden Erkenntnisse auf ihre Praxistauglichkeit geprüft und getestet, ob das wirklich so funktioniert haben könne. „Ich mache das, auch wenn ich mich dabei immer wieder wie Don Quijote fühle.“

Görlitz hat sich daran gewöhnt, von dem, was er ironisch „die Mainstreamwissenschaft“ nennt, als Spinner und Phantast abgestempelt zu werden. Das erschwert die Finanzierung von Vorhaben wie der nächsten Atlantik-Überquerung mit der Abora IV. Aber es stört ihn nicht mehr so wie früher. „Es geht hier ja nicht darum, über den Atlantik zu segeln oder die Cheops-Pyramide zu entschlüsseln.“ Sondern darum, heute Erkenntnisse aus dem Gestern zu gewinnen, um für morgen etwas zu lernen. „Die Vergangenheit liefert keine Blaupause für die Zukunft“, glaubt Dominique Görlitz, „aber wer seine Geschichte nicht richtig versteht, trifft die falschen Entscheidungen für seine Zukunft.“ (mz)