Bördekreis Bördekreis: Ulrich Mühes Platz der Stille
WALBECK/MZ. - Hier hat der Schauspieler gern gestanden und den Ausblick auf das Allertal genossen. Viele kleine Wege führen von der Ruine hinunter nach Walbeck - einer davon direkt zu Mühes Wochenendhaus, dessen Dach durch die Baumkronen hindurch vage zu erkennen ist. "Er ist oft hier oben bei der Ruine gewesen", erinnert sich sein Bruder Andreas Mühe, der mit seiner Frau, einer Walbeckerin, seit 1993 in dem Ort lebt.
Als Ulrich Mühe im Juli 2007 starb, erlangte die kleine Gemeinde nahe der Grenze zu Niedersachsen in ganz Deutschland Bekanntheit. Hierhin hatte sich der Schauspieler zurückgezogen, um die letzten Tage seines Lebens mit seiner Familie zu verbringen - als er längst wusste, dass er vom Magenkrebs nicht geheilt werden würde. In Walbeck fand er nach eigenem Wunsch auch seine letzte Ruhestätte. In Erinnerung an den großen Schauspieler wird die Gemeinde Donnerstag ihr Bürgerhaus nach ihm benennen. "Die Idee kam schon vor Monaten im Gemeinderat auf", sagt Bürgermeister Martin Herrmann.
Zentrum der Kultur im Ort
Die bislang namenlose Halle mitten im Ort, in der 200 Leute Platz haben, ist das Zentrum des kulturellen Lebens in der 800-Seelen-Gemeinde: Hier tagt der Karnevalsverein, werden Hochzeiten gefeiert, hier gibt es Lesungen und Tanzabende. Vor einigen Jahren hatte Mühe selbst in dem Bürgerhaus aus "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry gelesen, erzählt Jutta Pätz vom Heimatverein - natürlich exklusiv für die Walbecker. "Die Einnahmen hat er für unsere große 1075-Jahrfeier im Jahr 2005 gespendet", sagt sie.
Auch Mühes Frau, die Schauspielerin Susanne Lothar, wird Donnerstag nach Walbeck kommen. "Ich möchte den Walbeckern bei dieser Gelegenheit sagen, wie viele schöne Erinnerungen mein Mann mit diesem Ort verbunden hat. Walbeck war für uns immer ein Rückzugsort - in guten wie in schlechten Zeiten", sagt Lothar.
"Ein zweites Zuhause"
2001 hatte das Paar hier ein Haus gebaut - im schwedischen Stil, in den sich Mühe bei Dreharbeiten verguckt hatte. In Walbeck, zwei Stunden von ihrem Wohnort Berlin entfernt, sollten sich die zwei Kinder austoben können, hier wollte Mühe Familienleben genießen. Zudem lebten hier bereits seine Mutter und sein Bruder. Walbeck sei für sie und ihren Mann "ein zweites Zuhause" geworden, so Lothar. "Der Ort und die Menschen hier haben uns immer sehr gut getan."
Auch die Walbecker erinnern sich gern an "den Uli", wie sie ihn nennen: Zum Maibaumaufstellen sei er in Gummistiefeln gekommen, sagt einer lächelnd. Mit seiner Familie war er beim Tag der offenen Tür der Feuerwehr dabei, erzählen andere. Mancher sah ihn mit den Kindern im Schwimmbad, beim Joggen im Wald oder auf Radtour. "Er war hier ein ganz normaler Bürger", sagt Herrmann. Das haben die Walbecker gemocht.
Umgedreht genoss Mühe die Ruhe in dem Ort - fernab des Hauptstadttrubels. "Manchmal kam er auch allein hierher, um Texte zu lernen", erinnert sich Andreas Mühe. In den letzten Wochen seines Lebens hielt sich sein Bruder fast ausschließlich in Walbeck auf, erzählt er weiter. Das Leben in Berlin war beinahe unerträglich geworden. "Ständig warteten Reporter vor seiner Tür." Außerdem habe ihm der Garten und das viele Grün gefehlt. "Wir hatten so Träume", sagt Andreas Mühe traurig, "dass wir als Rentner hier im Garten sitzen, ein Glas Rotwein in der Hand, und den Enkelkindern beim Toben zuschauen können". Er denke viel an seinen einzigen Bruder.
Auch um dessen Grab auf dem Walbecker Friedhof kümmert sich der 59-Jährige. So natürlich wie möglich habe es sich Ulrich Mühe gewünscht - "bloß kein Minischrebergarten". Am Anfang sei er perplex gewesen, sagt Andreas Mühe, als plötzlich immer wieder neue Blumen, Gestecke und Erinnerungsstücke auf dem Grab lagen. Mittlerweile hat er sich daran gewöhnt: Walbeck ist auch zu einer Art Pilgerstätte für jene geworden, die den Schauspieler und Menschen Ulrich Mühe verehrten.