Wandel der Zeitzer Altstadt Wandel der Zeitzer Altstadt: Es ging auf und ab im Brühl

Zeitz - Der mitunter in den Zeitzer Altstadtstraßen stark dominierende bauliche Einfluss der Gründerzeit, hervorgerufen durch den wirtschaftlichen Aufschwung während der Kaiserzeit, konnte im Brühl nie so recht Fuß fassen. Abgesehen von der in die Stephansstraße übergehenden Häuserreihe Brühl 17-21, bildeten die Gebäude Brühl 29 und 33 im Quartierkern die Ausnahmen, ohne dabei das jahrhundertealte Gesamtbild von Grund auf zu verändern.
Aufbau von Zeitz-Ost
1968 wurden erstmals im Zusammenhang mit der prognostischen Entwicklung sehr konkrete Planungen mit Modellentwürfen für die völlige Neugestaltung des gesamten Stadtgebietes vorgestellt. Vor dem Hintergrund des begonnenen Aufbaus von Zeitz-Ost sollte zugleich die Altstadt in der Stadtentwicklung eine grundlegende Umgestaltung erfahren. Wäre es nach den Ideen damaliger Architekten gegangen, stünden heute gemäß diesem „Generalbebauungsplan“ im Brühl sowie am Berghang zwischen Steinsgraben und Rahnestraße mehrgeschossige Wohnblöcke in Plattenbauweise. Die Altbausubstanz des Brühls, einschließlich solch hochrangiger Denkmale wie das Seckendorff’sche Palais Brühl 11, wäre komplett verschwunden. Nichts, aber auch gar nichts, außer mahnenden Worten der Denkmalschützer, konnte das verantwortliche Institut für Denkmalpflege in Halle (Saale) als übergeordnete Behörde und kompetente Institution dem propagierten Fortschrittsdenken in der „Stadt im sozialistischen Aufbau“ entgegensetzen.
Die Zerstörung begann
Der Abriss der hinsichtlich ihrer Geschosszahl identischen und städtebaulich idealen Häuserreihe Brühl 36 bis 38 markierte den Auftakt 1968/69, denn bis dahin hatte der Brühl nur zwei Gebäude verloren. Die Ruine der alten spätgotischen Schmiede Brühl 35 wurde 1939 nach einem Brand im Vorjahr beseitigt. Aufgrund zunehmender Baufälligkeit verschwand das dominierende Wohn- und Geschäftshaus Brühl 32 mit seiner berühmten „Leckarsch“-Figur 1953/54.
Ein im Plan befindlicher Wohnhausneubau für Brühl 32 gelang dem Hauseigentümer, Glasermeister Helmut Pfeiffer, aufgrund geltender Verordnungen im Zusammenhang mit staatlich eingeführten Investitionsplänen nicht. So blieb Brühl 34 der einzige Neubau, der von Schlossermeister Bruno Sollwedel unter den schwierigen Bedingungen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut worden war und heute nach umfassender Sanierung eines der wenigen bewohnten Häuser des Viertels darstellt.
Erste Flächenabbrüche
Flächenabbrüche mit schwerwiegenden Auswirkungen für das Aussehen des Straßenbildes wurden schließlich nach 1970 zur Regel, weil mangels Neubauten die entstandenen Lücken nicht geschlossen werden konnten. Unbefestigte Parkplätze nahmen hingegen in der Folgezeit zu. Die zur Ruine verkommenen Gebäude Brühl 13 und 14 fielen Anfang 1971 dem Abriss zum Opfer. Das sanierungsbedürftige, aber weiterhin bewohnte Nachbarhaus Brühl 12 blieb vorerst noch erhalten. Vom barocken Gasthof „Zum Goldenen Palmbaum“ war zunächst 1968 der von wertvollem Fachwerk geprägte Innenhof beseitigt worden, eines der schönsten Motive des alten Zeitz. Das Hauptgebäude an der viel befahrenen Ecke Brühl-Schloßstraße folgte schließlich im Frühjahr 1972, weil ein möglicher Erhalt von vornherein mit dem alle Erhaltungsvorstellungen erstickenden Verdikt „nicht wirtschaftlich“ belegt worden war.
1982 durchgeführte Erhaltungsmaßnahmen an der verwitterten Fassade und die fachmännische Restaurierung des beachtlichen Hofportals vom Köttnitz’schen Haus Brühl 11 belegen eine erste Trendwende und die offensichtliche Abkehr vom Plan der völligen Beseitigung der historischen Brühl-Bebauung.
Vor dem Hintergrund einer rigoros betriebenen Abriss-Politik, die vom Rat der Stadt Zeitz routinemäßig als „städtebaulich einverstanden“ deklariert wurde, und den noch bevorstehenden Hausabbrüchen sah sich das Institut für Denkmalpflege (IfD) in der Bezirkshauptstadt Halle (Saale) jedoch veranlasst, Stellung für den Zeitzer Brühl zu beziehen. In einer Zielstellung des Instituts vom 3. Juni 1986 empfahlen die Denkmalschützer für den platzartigen Brühlbereich, „auf der Westseite die Nord- und die Südecke an den einmündenden Straßen neu zu bebauen, mit Abrundung an der Nordecke, und den vom Bauzustand guten mittleren Teil vorerst beizubehalten und ihn in der Perspektive neu zu bebauen.“
Auf der denkmalpflegerisch wertvollen Ostseite war die alte herzogliche Hofbäckerei Brühl 1 an der Ecke zur Rothestraße schon abgebrochen. Brühl 8 sowie 9, 10 und auch der barocke Bau Brühl 2 hatte die Stadt schon als Abrissobjekte im Visier. Mit ihrem Verschwinden 1986/87 schrumpfte die Bebauung der Ostzeile erheblich. Erstaunlich ist, dass dem Institut damals neben den beschlossenen Abrissen der unbedingte Erhalt von Brühl 3, 4 und 5 zugesichert wurde. Die drei Häuser sollten instand gesetzt und modernisiert werden. Von der Denkmalpflege musste diese Lösung wohl oder übel akzeptiert werden, trotz der erheblichen Substanzverluste entlang der Ostseite des Brühls. Die von den damaligen Verantwortungsträgern versprochene Teilerhaltung sicherte wenigstens zunächst ein wichtiges Stück des historischen Raumes der früheren und vermutlich ältesten Zeitzer Marktstraße. Gleichzeitig forderte das Institut den Erhalt von Brühl 6 und 7, da diese beiden Giebelhäuser, zur damaligen Zeit instand gehalten und bewohnt als Einfamilienhäuser, eine reizvolle optische Schließung des Straßenraumes des Brühls nach Norden vor dem hohen Seckendorff´schen Palais gewährleisteten. Außerdem verkörperten sie mit ihrer Giebelstellung einen älteren Gebäudetyp, der in Zeitz Seltenheitswert besaß. Im Dezember 2013 hatte auch für diese beiden malerischen Häuser die letzte Stunde geschlagen.
Brühl-Apotheke als letztes leergewohntes Brühl-Haus
Weiterhin forderte das Institut 1986 einen unbedingten Erhalt der massiven Vorderfront des Gebäudes Brühl 12, das schon 1982 zur Ruine verkommen war. Jedoch zielte dieser Vorschlag ins Leere, denn die Wirklichkeit sah zu diesem Zeitpunkt ganz anders aus. Aufgrund seines ruinösen Zustandes war Brühl 12, in dem Friseurmeister Hermann Oehlert sein Geschäft betrieb und so manchem jungen Mädchen auch Ohrlöcher stach, bereits im Jahr zuvor dem Abbruch anheim gefallen.
In architektonisch-städtebaulicher Hinsicht, nämlich als ästhetische Umgebung vom Palais Brühl 11 und in der Sichtbeziehung der direkt auf das Haus zuführenden westlichen Brühl-Straße erscheint diese Forderung nach wie vor mehr als gerechtfertigt.
Heftig diskutiert wurde auch der Erhalt des in den späten 1980er Jahren bereits verwahrlosten Palais’ Brühl 23 im Wochenbett und dessen mögliche Nutzung als Landwirtschaftsschule. Zu einer Realisierung des Vorschlags kam es allerdings nicht mehr. Brühl 15 auf dem zur Domfreiheit gehörenden Areal gegenüber der Brühl-Apotheke verschwand als letztes leergewohntes Brühl-Haus in dieser Endphase der DDR. (mz)


