Der Alltag hinter der Fleischtheke
Weißenfels/MZ - Dieses Foto ist zusammen mit anderen Aufnahmen im gerade publizierten Band "Die DDR in Bildern. Stadt und Landkreis Weißenfels" erschienen. Wahrscheinlich ist, dass sich der Autor des Vorwortes und der Bildkommentare, Gerhard Bach, ein Witzchen über die DDR-Fleischauslagen gestattet hat. Aus seinem Archiv hat der Fotograf Heinz Gotsch einen großen Teil der Bilder für diesen Band zur Verfügung gestellt. Diese sind zu zehn Blöcken wie "Innenstadt", "Einzelhandel und Gastronomie" oder "Verschwundene Bauwerke" thematisch gruppiert.
Heinz Gotsch hat bis 1990 fast drei Jahrzehnte lang für die Tageszeitung "Freiheit" fotografiert. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum zahlreiche Aufnahmen die offizielle Perspektive und damit auch die Schokoladenseite des Kreises Weißenfels im Sozialismus abbilden: strammstehende Arbeitskollektive, scheinbar mit dem Lineal ausgerichtete Pioniergruppen, markig lächelnde Werktätige, optimistische Verkäuferinnen, protzige Aufmärsche. Sie sind nur eine Wiederauflage dessen, was zu DDR-Zeiten auch an optischen Propagandaschlachten ablief. So bleibt der vergangene Alltag ausschnitthaft. Lediglich einen kleineren Teil machen Einzelporträts aus oder jene Fotos, die Dreckecken, Häuserruinen und die miserable Versorgungslage dokumentieren.
Die großenteils Schwarzweißbilder hat Hans Gotsch mit einer Pentagon Six aufgenommen. Mit dieser 6 x 6-Mittelformatkamera, die der Fotograf auch noch verwendete, als seine Kollegen schon im Kleinbildformat fotografierten, lassen sich Aufnahmen in einer besonders guten Qualität anfertigen. Warum allerdings die zu DDR-Zeiten entstandenen Buntfotos, deren Farbton und -kontrast nicht stimmig sind, jetzt noch in den Band aufgenommen wurden, ist unverständlich.
Ein wichtiger Grund dafür, dass der erste Band mit dem Titel "Weißenfels", der 2003 im Erfurter Sutton-Verlag erschien, so erfolgreich war, lag sicher in seinem Identifikationspotenzial. Das gilt auch für dieses Fotobuch. Viele werden sich als Verkäuferin, Kindergartenkind oder Kneipenwirt wieder erkennen und an Vergangenes erinnern.
Im Vorwort hätte man sich einen kritischeren Umgang mit den Fakten, die die Arbeitslosenzahlen und Arbeitsproduktivität zu DDR-Zeiten betreffen, gewünscht. Sie sind nicht mehr als propagandistisches Kampfmaterial. Statt Lebenswirklichkeit spiegelt sich darin lediglich die Deutungshoheit der SED-Führung wider.
Übrigens, das Foto, das die Frischfleischversorgung in Weißenfels unter sozialistischen Vorzeichen dokumentiert, findet sich auf Seite 22. Angesichts des Bildkommentars von Gerhard Bach zum "reichhaltige(n) Angebot hinter der Fleischtheke" lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Verfasser die fleischigen Wurstauslagen oder die Verkäuferinnen selbst meint.