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Vom Leben eines Schelms

Von KARINA BLÜTHGEN 21.02.2010, 17:33

WITTENBERG/MZ. - Und so war es nicht erstaunlich, dass das Barockhaus des "Hauses der Geschichte" in Wittenberg am Sonnabend bei der Eröffnung der Ausstellung über den beliebten Künstler schier aus allen Nähten platzte.

Just zu seinem 101. Geburtstag öffnete "Humor überwindet Grenzen. Heinz Erhardt - geliebt in Ost und West" ihre Pforten. Der Verein Pflug, Träger des "Hauses der Geschichte", hat Bilder und Texte aus der Biografie des Künstlers mit Sachzeugnissen wie Erhardts Schreibmaschine, Schallplatten, Büchern und Filmplakaten bis zum großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik zu einer Ausstellung gefügt, die Einblicke nicht nur in sein Berufs-, sondern auch Familienleben erlaubt.

Ilgvars Klava, Botschafter der Republik Lettland und Schirmherr der Ausstellung, ließ es sich nicht nehmen, diese mit zu eröffnen. "Ich bin stolz, dass jemand so lange beliebt ist, der in Riga geboren und aufgewachsen ist", sagte er. Der Diplomat erinnerte daran, dass die deutsche Minderheit bis 1939 in Lettland ein wichtiger Teil der Gesellschaft war. Sehr angetan von der Art der Präsentation zeigte sich auch Marita Erhardt-Malicke, jüngste Tochter von Heinz Erhardt. Im launigen Interview mit CDU-Stadtrat und Erhardt-Fan Nathanael Lipinski plauderte sie aus dem Familienleben. Ihr Vater sei ein präzise pünktlicher Mensch gewesen, erzählte sie. Da er fast immer unterwegs war, blieb die Familie in den wenigen freien Wochen meist zu Hause. "Nur einmal wollten wir für 14 Tage an die Ostsee fahren. Die Koffer waren gepackt. Und am Tag vorher sagte mein Vater: Wenn es morgen regnet, fahren wir nicht. Was denken sie, was passiert ist?"

Die wunderbare Art von Heinz Erhardt lobte auch Wittenbergs Bürgermeister Torsten Zugehör (parteilos). "Solch spannende Lebensläufe gibt es kaum noch", meinte er angesichts von 15 Schulwechseln und der Lehre im kaufmännischen Beruf statt des Studiums als Pianist. "In heutiger Comedy werden Leute klein gemacht und ausgelacht. Das hätte Heinz Erhardt nie gemacht. Er war ein kluger Kopf und ein kluger Komiker", so Zugehör. Davon können sich die Besucher der Ausstellung selbst ein Bild machen. Denn fast jede der Tafeln enthält auch einige der bekanntesten Sprüche und Gedichte Erhardts, deren Wortwitz zeitlos ist. "Es hat sich gelohnt", sagte auch Prof. Peter Hertner, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Pflug, angesichts der Vielfalt der Ausstellungsstücke.

Noch eine völlig unbekannte Seite von Heinz Erhardt tat sich auf. Erhardt, der in Leipzig kurze Zeit Klavier und Komposition studiert hat, verfasste in seiner Jugend eigene Klavierwerke. Diese sind kaum bekannt, da sie über Jahrzehnte auf einem Dachboden schlummerten und von Erhardt nie öffentlich gespielt wurden. Die japanische Pianistin Chie Ishii, die am Sonnabend ebenfalls in Wittenberg war, hat einen Großteil bereits mit Erfolg aufgeführt. Im Juni oder Juli soll es solch ein klassisches Konzert mit Klavierkompositionen und Gedichten auch in Wittenberg geben.

Die Ausstellung "Humor überwindet Grenzen. Heinz Erhardt - geliebt in Ost und West" ist bis zum 5. Juni zu sehen. Das Haus der Geschichte in der Wittenberger Schlossstraße ist geöffnet montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, sonnabends, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr.