Tour de France Tour de France: Deswegen ist die Rundfahrt nicht in Wittenberg gestartet

Wittenberg - „Ulle“ - so nennen die Fans den Tour-de-France-Gewinner Jan Ullrich - spaltet die Sportanhänger. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage der MZ. An dem Votum beteiligen sich 265 Leser. 43 Prozent halten den Sportler für ein Vorbild. 47 Prozent sehen das anders. Der Rest legt sich nicht fest.
Bei den Wittenberger Radsporttagen wird Ullrich als Star gefeiert. Und nicht nur in der Lutherstadt. Der dreifache Weltmeister ist während der ersten Etappe zwischen Düsseldorf und Lüttich Ehrengast in Korschenbroich (Nordrhein-Westfalen).
ARD-Live-Kommentator Florian Nass meint, man müsse „Ullrichs ganze Geschichte erzählen“. Der Olympiasieger wird aber vor Ort mit „Ulle, Ulle“-Rufen gefeiert. Der Weltmeister feuert alle Fahrer bei strömenden Regen an. Ein Star zum Anfassen.
Den Start in Düsseldorf verfolgen 800.000 Zuschauer und Millionen an den TV-Geräten. Die Begeisterung auf dem deutschen Streckenabschnitt ist riesengroß. „Das ist unsere Etappe“, denkt Wittenbergs Stadtrat René Stepputtis (SPD) beim Betrachten der Bilder etwas wehmütig an die ursprünglichen Pläne zurück: Das größte Sportereignis der Welt 2017 sollte in Wittenberg starten und über Eisleben und Eisenach nach Erfurt führen.
Die Stadt, so deren Sprecherin Karin Austermann vor 60 Monaten, stehe dem Projekt wohlwollend gegenüber. Offiziell wurde seinerzeit über das Finanzielle nicht geredet. Laut ARD hat sich Düsseldorf das Event 13 Millionen Euro kosten lassen.
„Das hätten wir nie und nimmer bezahlen können“, sagt Austermann am Montag auf MZ-Anfrage. „Es ist tatsächlich nur am Geld gescheitert“, erinnert sich Stepputtis. Wobei es offensichtlich aus Frankreich ein Kulanzangebot gab: zwölf Millionen Euro!
„Es ist nicht nur am Geld gescheitert“, sagt Christian Hirte am Montag. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Thüringen unternahm zwei Dienstreisen nach Paris und das sehr erfolgreich. Sein Konzept - die Etappe sollte zum Reformationsjubiläum entlang der Lutherorte gehen - überzeugte.
„Tolle Bilder mit beieindruckenden Landschaften und Bauwerken aus Mitteldeutschland, die weltweit gesendet werden, sind auch eine Riesenchance für die Region“, glaubt Hirte. Er ist davon überzeugt, dass sein Vorhaben die spätere Alternative Düsseldorf in den Schatten stellt.
„Total begeistert waren die Verantwortlichen bei der Tour“, erinnert sich Hirte. Im Klartext: Niemand hat Einwände gegen den Startort Wittenberg! „Die Tour hatte seinerzeit in Deutschland ein Imageproblem, das öffentlich-rechtliche Fernsehen hatte sich wegen der Dopingfälle aus der Berichterstattung zurück gezogen. Deswegen stand Paris einem Tourstart in Deutschland sehr aufgeschlossen gegenüber“, so Hirte.
Der Prolog sollte in Berlin stattfinden. „Das wäre ein symbolträchtiges Datum, denn 30 Jahre zuvor war die Hauptstadt erstmals Austragungsort eines Prologs“, so Hirte. Doch die Hauptstadt sagte ab.. „Für unser Vorhaben haben wir aber Berlin nicht gebraucht“, so Hirte. Selbst die Finanzierung schien machbar. Sachsen-Anhalt und Thüringen sollten sich beteiligen.
Das Nein kam aus Erfurt. Hier sprach sich die Politik für die Förderung des Breiten- und nicht des Spitzensports aus. Darüber hinaus hatten eben Dopingenthüllungen die Debatten bestimmt.
Und auch Hirte hat eine Meinung zu Ullrich. Sportlich sei er ein Idol. „Aber der Zweck heiligt nicht die Mittel.“ Der 41-jährige plädiert dafür, nach vorn zu schauen. Die deutschen Radsportler seien gut aufgestellt - wie der Sieg des Thüringers Marcel Kittel auf „unserer Etappe“ eben nicht in Erfurt, sondern in Belgien beweist. (mz)