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Störche im Landkreis Wittenberg Sensation in Wittenberg: Erste Störche schon im Januar zurück – Klimawandel verändert Zugverhalten

Die ersten Störche sind wieder zurück im Landkreis Wittenberg – und das früher als je zuvor. Der Klimawandel verändert ihr Zugverhalten. Doch diese frühe Rückkehr birgt auch einige Risiken, wie ein Ornithologe berichtet.

Von Paul Damm 28.02.2025, 17:06
Auf den  Pratauer Elbwiesen geht ein Storch auf  Nahrungssuche.
Auf den Pratauer Elbwiesen geht ein Storch auf Nahrungssuche. (Foto: Paul Damm)

Wittenberg/MZ. - Ein vertrautes Bild auf den Elbwiesen: Die ersten Störche sind aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt. Schon Ende Januar wurden vereinzelt Tiere gesichtet – und damit deutlich früher als noch vor ein paar Jahrzehnten. Ein Trend, den Ornithologen seit Langem beobachten. Axel Schonert, Ornithologe und Inhaber der Firma „Biotopmanagement Schonert“ in Wartenburg, bestätigt diese Entwicklung: „Die Ankunftszeiten werden im Durchschnitt immer früher. Das entspricht unserer Wahrnehmung, dass es so gut wie keinen richtigen Winter mehr gibt.“

Die ersten Rückkehrer

Der erste Storch –der „Frühstarter“ – der in diesem Jahr in der Region auftauchte, wurde in Kakau gesichtet. Ihm folgte ein weiteres Tier, das zum Horst in Pratau gehört. Auch in Globig wurde Anfang dieser Woche ein Storch nahe der Straße entdeckt und der nächste wurde bereits in Steinsdorf im Altkreis Jessen gemeldet, so Schonert.

Diese Rückkehrer zählen zu den sogenannten Westziehern, erklärt der Vogelkundler: „Wir haben hier zwei Zugstile – die Ostzieher und die Westzieher. Letztere ziehen oft nicht so weit, oft nur bis Spanien oder in die Nähe des Mittelmeers, während Ostzieher bis nach Afrika reisen.“Und da Westzieher oftmals weniger Stress haben, sagt Schonert, kommen sie früher zurück und setzen sich langfristig durch.

Die frühere Rückkehr der Störche ist nicht nur ein Einzelfall, sondern eine Entwicklung, die Ornithologen seit über 30 Jahren beobachten. Schonert beschreibt es so: „Wenn man die Ankunftsdaten vergleicht, ergibt sich eine klare Linie – sie zeigen nach unten. Das bedeutet, die Störche kommen im Landkreis immer eher an.“

Grund dafür ist der Klimawandel. Strenge Winter mit wochenlang gefrorenem Boden, die den imposanten Zugvögeln das Überleben erschweren, sind hier in Deutschland seltener geworden. „Schaut man nach draußen, sieht man, dass es Mäuse gibt, Regenwürmer sind da – ein Storch findet genug Nahrung. Er muss also nicht mehr zwangsläufig tausende Kilometer weit ziehen, um zu überwintern“, berichtet der Biotopmanager.

Während einige Regionen Deutschlands bereits Störche haben, die ganzjährig bleiben, sei das in Wittenberg – bis auf absolute Ausnahmen – nicht der Fall. „Kraniche bleiben teilweise über den Winter, aber Störche sind zu auffällig, um so eben mal übersehen zu werden“, sagt Schonert und fügt noch hinzu: „Wenn hier einer wäre, dann würden wir das mitkriegen.“

Und bekanntlich fängt der frühe Vogel den Wurm – oder in diesem Fall: den besten Nistplatz. Das ist einer der Hauptgründe, warum sich einige Störche so beeilen. „Der erste Storch, der am Horst ankommt, hat den Vorteil, dass er ihn besetzen kann. Für die Fortpflanzungssaison ist das ein riesiger Vorteil“, erklärt der Experte.

Doch wie riskant ist eine frühe Rückkehr? Wie Schonert berichtet, birgt diese Strategie auch einige Risiken. Ein später Wintereinbruch mit starkem Frost – wie es vor etwa anderthalb Wochen in der Region der Fall war – kann für die frühen Rückkehrer zu einer tödlichen Falle werden. „Manche ziehen dann noch ein paar hundert Kilometer nach Südwesten, nach Frankreich, wo es wärmer ist. Andere bleiben und spekulieren darauf, dass die Kälte nur ein paar Tage anhält. Das ist eben ein Spiel mit dem Risiko – gelebte Evolution“, urteilt Schonert.

Durch Fütterung beeinflusst

Doch wieso nehmen immer mehr Störche diese Gefahr auf sich? Der Klimawandel verursacht nicht nur mildere Winter, sondern er macht das Wetter insgesamt unberechenbarer. „Es wird wärmer, aber eben nicht konstant“, sagt der Mann, der in Bleddin zu Hause ist. „Stattdessen gibt es mehr Extreme – sehr milde Phasen, aber auch plötzliche Kälteeinbrüche“. Dies mache es für die Tiere schwer, sich anzupassen, schildert der Ornithologe.

Ein weiterer Faktor, der das Verhalten der „Adebare“ verändert, ist eine gezielte Fütterung im Westen Deutschlands. „Dort gibt es Vogelfreunde, die Störche mit Schlachtabfällen und Fischen versorgen.“ Und das führe dazu, dass sich in manchen Gebieten lokal sesshafte Populationen bilden, die dann gar nicht mehr ziehen. Im Kreis jedenfalls dürfte die Zahl der Störche rapide steigen: „Es ist davon auszugehen, dass die milderen Tage eine Rückreisewelle ausgelöst haben.“