Obdachlosigkeit in Wittenberg Obdachlosigkeit in Wittenberg: Von der Straße ins eigene Leben

Wittenberg - Im Regal stehen Topfpflanzen, in der Ecke ein kleiner Fernseher, in der Mitte des Raumes ein großer Sessel. Die Möbel sehen gebraucht aus, aber nicht schäbig, auch wenn die Regale noch ein wenig leer wirken, als würde es sich um eine Gästewohnung halten. Im Sessel sitzt Thomas Schaaf und sieht zufrieden, aber auch ein wenig verloren aus.
Es sind seine ersten eigenen Wände nach langer Zeit. Zwei Winter verbrachte er zuvor auf der Straße, machte eine Bushaltestelle, die günstig zwischen Arbeitsagentur und Tafel lag, zu seinem Zuhause. Die MZ berichtete über den langen und sehr bürokratischen Weg, den Schaaf und seine Helfer nehmen mussten, um dem 49-jährigen Coswiger, der durch unglückliche Umstände auf der Straße gelandet war, wieder ein Zuhause zu geben.
„Ich bin glücklich“, sagt er heute. Auch wenn es noch vieles gibt, an das er sich gewöhnen muss, ergänzen Mario Zastrow und Nicole B., die sich um den Ex-Obdachlosen kümmern. Dazu gehört etwa das Führen des Haushaltes; die Arbeit, die die eigenen Zimmer eben so machen. „Das war an meinem Bushäuschen schon einfacher“, erinnert sich Schaaf. Dort hatte er einen Besen und fegte den Unrat weg den er oder auch andere dort hinterlassen hatten.
Nach dem Umzug in das eigene Heim Anfang des Jahres wollte Thomas Schaaf auch gerne wieder arbeiten. Jahrelang hatte er auf Baustellen in Schweden gejobbt. „Er ist ein harter Kerl mit einem weichen Herzen“, schätzt ihn Helfer Mario Zastrow ein. Leider sei das mit der Arbeit aber zunächst schwierig, weil Schaaf nun an schweren gesundheitlichen Problemen leide.
Abgelehnt habe der ehemalige Obdachlose aber nie eine Arbeitsstelle - denn faul oder gar gierig seien einfach Begriffe, die nicht zu ihrem Schützling passten, sagen Zastrow und Nicole B. „Er ist der ehrlichste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Er hat noch nie gelogen“, meinen beide. Als die beiden das Mobiliar für die Wohnung zusammentrugen, seien viele Menschen sehr großzügig mit ihren Spenden gewesen und hätten so enorm geholfen.
Ärgerlich finden beide aber Gerede, Schaaf sei ein Schmarotzer oder Betrüger. So gab es etwa Gerüchte im Internet, Schaaf lebe wieder als Obdachloser in Coswig. „Das ist Unsinn“, sagt Zastrow. Schaaf sei gebürtiger Coswiger und sei auch hin und wieder hingefahren. Er lebe aber weiterhin in seiner Wohnung in Wittenberg.
(mz)