Mauerfall Mauerfall : Als der Schwiegervater spitzelte

Straach - Für nicht wenige Menschen in der DDR war der 9. November 1989 ein Tag der Befreiung. Die Mauer, die so fest gefügt schien, öffnete sich plötzlich und unerwartet. Für Klaus Gold gilt das in besonderem Maße. „Ich habe mich eingesperrt gefühlt“, sagt der Mann, der seit einigen Jahren in Straach lebt.
Seine anhand von Akten belegte Geschichte ist haarsträubend, sie handelt von Verrat und Bespitzelung, von versuchter Republikflucht und Gefängnis. Klaus Gold will sie erzählen, nicht zuletzt deshalb, um einer Verklärung der Jahre vor 1989 entgegen zu wirken. Einerseits. Andererseits möchte er selber abschließen mit der Vergangenheit, die Alpträume hinter sich lassen. Er ist auf gutem Weg: „Irgendwann habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass ich kein Verlierer bin, sondern ein Gewinner.“
Das fühlt sich für ihn lange, lange Jahre nicht so an. Gold stammt aus Kassel, wird dort 1949 geboren, der Vater gehört der US-Armee an, er lernt ihn nicht kennen, wächst überwiegend bei den Großeltern auf. Mit dem neuen Mann seiner Mutter, den er nicht mag, siedelt die Familie 1965 nach Halle über, gegen seinen Willen. Der Junge kennt die Stadt nicht, kennt die DDR nicht, er eckt schnell an.
In einem Brief der Schulleitung an die Polizei, der sich in seinen Akten findet, heißt es, er störe massiv mit seinen Ansichten, entspreche nicht „den Normen unserer sozialistischen Gesellschaftsordnung“, sammele einen „negativen Kreis an Schülern um sich“, werbe für Beatmusik, höre Radio Luxemburg und verteile Schundliteratur (gemeint ist die „Bravo“) auf dem Schulhof. Wortwörtlich ist dort weiter zu lesen: „Eine Umerziehung kann nur mit Zwangsmaßnahmen erfolgen.“ Der Jugendwerkhof wird ins Spiel gebracht, aber noch nicht empfohlen.
Der Jugendwerkhof wird Klaus Gold erspart bleiben, der DDR-Knast hingegen nicht. Der junge Mann, der sich in der DDR unfrei und unwohl fühlt, startet zwei Fluchtversuche, beide scheitern. Beim ersten ist er 17 Jahre alt, mit zwei Freunden will Gold bei Eisenach im März 1967 die Grenze überwinden, sie nutzen die 900-Jahrfeier der Wartburg in der Annahme, dass die Kontrollen vielleicht nicht so scharf sind. Ein Irrtum. Das Ergebnis: 14 Monate Haft, ein Suizidversuch: „Es war eine Knechterei und Schinderei. Mir wurde ein Zahn gezogen, weil ich randaliert hatte. Sie haben das Licht ständig an- und ausgemacht. Es war furchtbar, aber ich habe überlebt.“
Nach der Entlassung sei er abgestempelt gewesen: „Ich war ein Verbrecher. Dabei hatte ich nichts gestohlen und keine Oma geschubst.“ Man hat ihn das spüren lassen. Auch das ein Grund für Fluchtversuch Nummer zwei im Februar 1970, wieder mit zwei Kumpels, wieder bei Eisenach. Die Jungs waren schon nah am Zaun, als einer die Nerven verlor. Diesmal schossen die Grenzer, der Freund wurde verletzt. Das Urteil: ein Jahr und zehn Monate Gefängnis. Arbeit unter Tage.
Nach längerer Jobsuche, nach Schikanen und Kontrollen hat Klaus Gold endlich ein bisschen Glück in seinem Leben. Er findet einen Job am Theater in Halle als Beleuchter, er lernt seine Frau kennen, sie bekommen einen Sohn.
Was er nicht weiß - und erst nach der Friedlichen Revolution in den 1990er Jahren aus seinen Akten erfährt: Mehrere Familienmitglieder seiner Frau gehören zur Staatssicherheit: „Der Vater, der Bruder, der Onkel, meine Frau wusste das selber nicht.“ Sie waren nicht amüsiert über einen DDR-kritischen Freund mit Flucht- und Knastvergangenheit. „Die wollten mich rausdrängen. Der Vater meiner Frau bot mir eine Wohnung und ein neues Schlafzimmer, wenn ich mich von seiner Tochter trenne - und einen Moskwitsch, wenn ich mich von unserem Sohn lossage.“
Was ihn gewundert hat, war, dass der Schwiegerpapa stets so gut Bescheid wusste über ihn: „Was ich mache, wann ich zu schnell gefahren bin.“ Die Erklärung durfte Klaus Gold später in seiner Stasi-Akte nachlesen - er erfuhr dort zudem, was ihn beinahe noch mehr erschütterte: „Mein bester Freund hat mich ebenfalls ausspioniert.“
Auch wenn er zum Schluss seine Nische gefunden hat im Arbeiter- und Bauernstaat: „Ich hatte mich mit dem Leben arrangiert, war ständig in Opposition, wusste aber, wie weit ich gehen darf.“ Der DDR weint Klaus Gold keine Träne nach. Kurz vor dem Ende, am 3. Oktober sei er noch einmal vom Arbeitsplatz weggeholt worden - er soll einem Kollegen bei Fluchtvorbereitungen geholfen haben. Angedroht wurden ihm fünf Jahre Haft: „Die hatten für mich das Internierungslager in Seeburg vorgesehen.“ Dazu ist es gottlob nicht mehr gekommen.
Den Fall der Mauer nutzte Klaus Gold, um mit seiner Familie als erstes zur Verwandtschaft nach Kassel zu fahren. Ein Happy End wurde die Reise leider nicht. Die Begeisterung über den Besuch aus dem Osten hielt sich in Grenzen. „Mit Bruder und Schwester war nicht viel.“ Sie hatten schon vor, die Nacht auf Feldbetten am Bahnhof zu verbringen, als ein Ehepaar erschien und die Familie bei sich beherbergte: „Daraus hat sich eine tolle Freundschaft entwickelt.“
Dass aus dem Glück von Mauerfall und Einheit ein Schock wurde, als er seine Stasi-Akten einsehen konnte, ist kein Wunder. Gold hat etwa seinen Freund mit dem Verrat konfrontiert. Der sagte: „Übertreib nicht so, war doch eine schöne Zeit.“ (mz)