Luthergarten in Wittenberg Luthergarten in Wittenberg: Der Flieger ist gelandet

Wittenberg - Filigran ist relativ. Können tonnenschwere Teile filigran sein? Ein schwebendes „Himmelskreuz“ haben der Düsseldorfer Künstler Thomas Schönauer und sein Auftraggeber, der Lutherische Weltbund (LWB), den Wittenbergern versprochen. Seit diesem Montag wird das Kunstwerk im Zentrum des Luthergartens Stück für Stück montiert. Fünf Tonnen, sagt Kurt Starke, der Kranführer, der es wissen muss, wiege schon allein das obere der drei Kreuze.
Die Enthüllung des Himmelskreuzes findet statt im Vorfeld der Ratstagung des LWB vom 16. bis 21. Juni in Wittenberg. Erwartet werden neben den knapp 50 Ratsmitgliedern aus aller Welt zur Veranstaltung am 15. Juni ab 15.20 Uhr im Luthergarten mehr als 150 geladene Gäste und die Öffentlichkeit. Öffentlich ist auch der Gottesdienst um 14 Uhr in der Stadtkirche, an dem der Bundespräsident ebenfalls teilnimmt. Nach der Enthüllung wird es - nur für geladene Gäste - einen Empfang des Ministerpräsidenten im Alten Rathaus geben. Unter dem Motto „Pilgerstation Wittenberg“ führt der LWB am 14./15. Juni mehrere Veranstaltungen durch, deren Ergebnisse in die Ratstagung einfließen. - Der Luthergarten entsteht seit 2009 als lebendiges Denkmal der Reformation in den Wallanlagen. Hauptstandort ist mit 272 von 500 - Bäumen die Andreasbreite, wo auch das „Himmelskreuz“ steht.
Zufrieden beobachtet Schönauer, Fotoapparat stets griffbereit, am Dienstagvormittag den Fortgang der Arbeiten. Am Vorabend wurde die Basis gelegt, das erste Kreuz, gut drei Tonnen Cortenstahl, Betonung auf dem „e“ und so rostig, wie er sein soll. Die Firma Henschel habe ganze Arbeit geleistet, lobt der Künstler. Das gesamte Kunstwerk entstand in den Werkhallen des Unternehmens in Tornitz bei Barby, eine Empfehlung des Wittenberger Metallbauers Günter Schildhauer. „Die Mitarbeiter waren mit Herzblut dabei“, sagt Schönauer. Und der Chef, fügt der Künstler hinzu, habe die statischen Berechnungen so verändert, dass man auf eine Stütze in der Mitte der Installation nun glücklicherweise doch verzichten könne. Sollen ja „schweben“, die Kreuze.
Neben dem Kranführer in seinem Häuschen - der Maxikraft der Wittenberger Firma Heilemann scheint immer dabei, wenn es in der Lutherstadt schwere Kunst zu bewegen gilt - sind ein gutes halbes Dutzend Fachleute damit beschäftigt, die Teile aus Alu und Edelstahl an die richtigen Stellen zu bringen.
Ein Schweißgerät faucht und sprüht Funken. Für Henschel-Mitarbeiter Jens Bothe ist es das erste Kreuz (und mutmaßlich auch das letzte), aber nicht das erste Kunstwerk, mit so etwas hätten sie Erfahrung. Wie Kranführer Starke ist freilich auch Bothe gespannt, wie die Installation am Ende aussieht. In Tornitz vormontiert wurden lediglich die beiden Querbalken der beiden oberen Kreuze, die restlichen vier Teile docken Stück für Stück an. Das schreibt sich rasch und ist doch ein Prozess, der sich über viele Stunden hinzieht und am Dienstag noch nicht abgeschlossen sein wird. Wenn alles gutgeht, Mittwochabend, heißt es. Unterdessen ist noch ein Kameramann des LWB angerückt.
„Im besten Sinne modern“ findet Thomas Schönauer selbst sein Dreifach-Kreuz, das nun das Herzstück des Luthergartens bildet und vergleicht es zur Bekräftigung mit der „Flügelform eines Airbus“. Die Fertigstellung wird er nicht bis zum Ende begleiten, noch am Mittag fliegt er zurück nach Düsseldorf, ein lange geplanter Termin ruft. Bis bald wieder in Wittenberg!
Am Boden hat Hans Kasch alle Hände voll zu tun. Am 15. Juni soll das „Himmelskreuz“ hochfeierlich enthüllt werden. Erwartet wird jede Menge Kirchenprominenz und, was die Sache in der Vorbereitung dann eben sehr kompliziert macht, auch der Bundespräsident, Joachim Gauck. Trotzdem wird es ausdrücklich eine öffentliche Veranstaltung, sagt Kasch, Direktor der Wittenberger Niederlassung des LWB. Ob die Öffentlichkeit sehr nah dran hinter einem Zaun oder ein Stück weg hinter der Hecke steht, steht laut Kasch noch nicht fest.
Was er aber selbst in der Hand hat, ist der Stoff. Genäht habe die Hülle seine Mitarbeiterin Annette Glaubig. Leichter Futterstoff, trotzdem um die 20 Kilogramm schwer. „Das wird gar nicht so einfach, die Enthüllung eines Kreuzes“, sorgt sich Thomas Schönauer ums große Verheddern vor Staatsaugen. „Ich hab’ keine Angst“, kontert Hans Kasch - und eine Leiter in der Hecke. Für alle Fälle. (mz)
