Kind sein ohne Cola und Computer
WITTENBERG/MZ. - Der Keller ist am interessantesten, findet Moritz. Da sind all die Holztiere, die einen Hof darstellen, oder der Mini-Garten oder auch die Küche. Für den Sechsjährigen ist das allerdings nicht neu. "Ich war schon mal hier", verkündet er gleich zu Beginn des Rundgangs im Wittenberger Lutherhaus. Und doch ist dieser Sonntag anders als andere Tage. Es ist der erste "Oma-Opa-Enkel-Nachmittag" in einem der berühmtesten Häuser Wittenbergs.
Und es nehmen nicht nur Großeltern mit ihren Enkeln teil. "Eltern sind ausdrücklich auch erwünscht", erklärt Jutta Strehle. Die Mitarbeiterin der Stiftung Luthergedenkstätten und Kunsthistorikerin bringt am Sonntag den jüngsten Besuchern nahe, was es heißt, zu Luthers Lebzeiten Kind zu sein. Und das heißt: keine Cola, kein Fernsehen und kaum Süßigkeiten. "Gesüßt wurde mit Honig, deshalb auch die Bienenkörbe", erzählt sie den Kindern beim Blick auf das anschauliche Gartenmodell.
Jutta Strehle versteht es, die Neugier der Drei- bis Sechsjährigen zu wecken. "Hier in dem Haus, das heute ein Museum ist, haben früher Menschen gewohnt", erklärt sie. Und im Gegensatz zur Gegenwart, wo fast alle Kinder ein eigenes Zimmer haben, schliefen einst das Ehepaar Luther und dessen Kinder zusammen in einem Raum. Und aus den "komischen Schränken", die nicht auf dem Boden stehen, sondern in der Wand sind, zaubert sie zwei kleine Puppen aus Stroh heraus. Moritz bekommt eine, die man mit etwas Fantasie als Ritter deuten kann, mit einem Hut und Holzstöckchen.
Über 30 Kinder und Erwachsene nehmen dieses spezielle generationenübergreifende Angebot an. "Ich freue mich über die Resonanz", sagt Jutta Strehle. Der Nachmittag richte sich ganz gezielt an Großeltern, die gerade jetzt im Winter mit ihren Enkeln etwas unternehmen wollen. "Da stellt sich oft die Frage, was man unternehmen soll. Oft sind ja alle Spiele schon gespielt." Viermal im Jahr, von November bis Februar, wird es den Oma-Opa-Enkel-Nachmittag geben. Im Februar heißt es "Luther und die Tiere", im November geht es um Mode der Lutherzeit, und im Dezember steht natürlich Weihnachten auf dem Programm.
Und was wäre solch ein Nachmittag ohne etwas, das man mit nach Hause nehmen kann? Nicht komplett. Also bekommen Moritz und seine Mutter Antje Rexin in der Museumspädagogik die Gelegenheit, selbst eine Strohfigur zu basteln. Ihnen gegenüber versuchen Kirstin Lorenz und Tochter Tessa sowie Großmutter Monika Richtscheid, alle aus Kossa, ebenfalls eine Hand voll Stroh in Form zu bringen, während Großvater und Enkelsohn der Familie mit der zweiten Gruppe noch unterwegs sind, die größeren Kinder lernen später Geschicklichkeitsspiele kennen. "Wir hatten es im Radio gehört. Mein Mann stammt zwar aus Wittenberg, aber im Lutherhaus waren wir vorher nie", sagt Kirstin Lorenz, während sich die sechsjährige Tessa von Jutta Strehle zeigen lässt, wie man aus einem Blatt Papier einen Frosch faltet, der sogar springen kann.
Mit vielen neuen Ideen für die Teilnehmer endet der Nachmittag. Antje Rexin und auch Moritz sind begeistert und wollen im Februar wiederkommen, zum nächsten Oma-Opa-Enkel-Nachmittag. Und auch die Familie aus Kossa will sich den nächsten Nachmittag nicht entgehen lassen.