Gäste aus Niedersachsen in Wittenberg Gäste aus Niedersachsen in Wittenberg: In der "kleinsten Großstadt"

Wittenberg - Eigentlich will Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) nur kurz etwas über Wittenberg erzählen. Über die Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum mit all seinen Projekten, Plänen, (Bau-)arbeiten und Erwartungen. Über den traditionellen Industriestandort, über Wirtschaft, Arbeit und Leben. Über die Industrie-Kultur-Stadt mithin und natürlich darüber, dass Wittenberg sich im kommenden Jahr wohl in die „kleinste Großstadt“ schlechthin verwandeln wird.
Illustre Runde
Kurz und gut, es dauert doch ein bisschen länger, bis die Gäste beim Empfang im alten Rathaus zum Buffet schreiten können, zumal auch der Direktor des Lutherischen Weltbundes Hans Kasch und der Direktor der Evangelischen Akademie Friedrich Kramer die Zuhörer noch mit ein paar Informationen füttern. Es ist eine illustre Runde, die sich aufgemacht hat, die Lutherstadt zu entdecken. Eine geduldige und interessierte dazu, die jene abendlichen Info-Häppchen und all die intellektuellen Anregungen des Tages mindestens genauso goutiert wie Kanapees und Käseplatten.
Fünf evangelische Kirchen in Niedersachsen haben sich 1971 zur Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen zusammengeschlossen, um die Interessen der Kirchen gegenüber dem Land Niedersachsen gemeinsam zu vertreten und Gemeinschaftsaufgaben wahrzunehmen. Die Kirchen repräsentieren zusammen knapp 3,8 Millionen Protestanten. Sitz der Geschäftsstelle ist Hannover. Leitendes Organ ist der Rat, Vorsitzender des Rats ist zurzeit der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. (mz/sho)
Vertreter der Konföderation der evangelischen Kirchen in Niedersachsen haben sich gemeinsam mit Abgeordneten des niedersächsischen Landtages auf die Reise ins benachbarte Bundesland gemacht, um zwei Tage lang Luthers Spuren zu folgen. Das Miteinander von Kirche und Staat, es hat Tradition in Niedersachsen; 1555 wurde in Loccum der erste Staatskirchenvertrag der Bundesrepublik zur Regelung der rechtlichen Beziehungen zwischen den Institutionen unterzeichnet; er wurde zum Mustervertrag für alle weiteren Staatskirchenverträge in Deutschland.
Seither kommen die niedersächsischen Vertreter von Kirche und Staat regelmäßig zum Dialog zusammen. In diesem Jahr setzten sich Landesbischöfe und Oberlandeskirchenräte, Minister, Staats- und Generalsekretäre sowie weitere Parlamentarier in Wittenberg mit dem Thema „Reformation 2017 - mehr als ein Jubiläum. Inspirierend – Provokant - Irritierend“ auseinander.
Die Idee sei entstanden, so der Hannoversche Landesbischof Ralf Meister, weil viele Parlamentarier noch nie in der Lutherstadt gewesen seien. Er selbst habe diesen Ort, der „historisch belegt und zugleich völlig fremd“ für ihn war, inzwischen vielfach besucht, „die Fülle der Geschichte hautnah erlebt“, so der gebürtige Hamburger und derzeitige Vorsitzende des Rates der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen. Die Unmittelbarkeit des Eindrucks vor Ort verändere das Denken über die Reformation und den Reformator. „Das wollte ich auch anderen ermöglichen.“
„Es ist ein Treffen in einer Stadt mit großer Vorfreude“, resümierte der Vizepräsident des Landtages, Klaus Peter Bachmann im Anschluss an die Erläuterungen Zugehörs. Er zeigte sich durchaus beeindruckt und versprach: „Viele von uns werden nächstes Jahr wiederkommen.“ Luther sei „ein Markenkern der Stadt“ und zudem ein Top-Werbeträger“, bekundete Markus Brinkmann. Der SPD-Abgeordnete gehört zu denen, für die die Wittenberg-Tour eine Premiere war. Brinkmann sieht die Stadt „gut aufgestellt“ für das kommende Jubiläum.
Auseinandersetzung mit Religionen
„Das macht einen professionellen Eindruck“, so sein Urteil als Parlamentarier. Als Katholik betrachtet er die Provokation der Reformation gelassen. Missstände und Fehlentwicklungen gebe es in allen großen Organisationen, so auch in der Kirche. Dass die Auseinandersetzung darüber vor 500 Jahren zur Kirchenspaltung geführt habe, sei bedauerlich. „Ich kann aber nicht erkennen, dass dies heute noch von großer Relevanz wäre.“ Der Auseinandersetzung mit anderen Religionen, „die wir bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatten“, sei für ihn angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen weitaus wichtiger. Man könne sich nicht mit dem Thema Reformation beschäftigen, ohne den Begriff Provokation mitzudenken, findet Antje Niewisch-Lennartz. Niedersachsens Justizministerin geht es freilich darum, die Auseinandersetzung im Hier und Heute zu führen. „Zu schauen, was dem Gemeinwesen heute gut tut, welche Werte wichtig sind, das ist Provokation heute“, findet die grüne Politikerin. Die Debatte über aktuelle Herausforderungen jenseits des alltäglichen Politikbetriebs, über „das Primat der Menschenwürde, hinter das sich auch Atheisten stellen können“, all das könne durch solch eine Reise hervorgerufen und genutzt werden. „Wir haben uns über Provokationen unterhalten, und es war ganz fruchtbar.“
Kein Wunder also, dass ein Souvenir aus der Lutherstadt, das der Oberbürgermeister den Gästen überreichte, Anklang fand. Das T-Shirt mit der These 96: „Höre nie auf quer zu denken“, war heiß begehrt. (mz)