Ferropolis Ferropolis: Katastrophale Übung für den Ernstfall
Gräfenhainichen/MZ. - Das Ende kommt nicht weniger unerwartet als die Katastrophe selbst. Gegen Mitternacht suchen der Gräfenhainichener Feuerwehrmann Gerald Jenner und seine Mitstreiter nach Personen, die im Gremminer See schwimmen sollen. Nur wenige Hundert Meter entfernt rollen die ersten Autos aus der Baggerstadt Ferropolis davon. Die Übung ist zu Ende. Oder doch nicht? Weitermachen? Feuerleute schauen ungläubig und sind ahnungslos.
"Wir hatten ein massives Kommunikationsproblem", bestätigt Landrat Jürgen Dannenberg (Linke) die wohl größte Katastrophe der Riesenübung in Ferropolis. "Die Funkverbindung war nicht stabil", schiebt er hinterher. Hinter vorgehaltener Hand ist vom zeitweiligen Ausfall des eigens herbeizitierten Funkwagens die Rede.
Im Lagezentrum herrscht betretene Stimmung. Kein Wort von Ute Görtler, Fachdienstleiterin Brand- und Katastrophenschutz im Landratsamt und ihrem Stellvertreter Michael Meißner, der das Katastrophen-Szenario zu Papier gebracht hatte und Stunden vorher schon den reibungslosen Ablauf der Rettung lobte.
Grausiges Szenario
Doch irgendwie war der Wurm drin unter Baggern, wo nach Drehbuch 18 800 Leute ein Konzert besuchten, die Bühne einstürzte, Hunderte Verletzte und auch Tote zu beklagen waren. Je später der Abend, desto größer die Katastrophe. "Grausig", macht Peter von Geyso keinen Hehl aus seiner Meinung. Der Möhlauer Feuerwehrmann fungiert als Abschnittsleiter in der Arena, hat dort sämtliche Rettungskräfte zu koordinieren - wenn er denn dürfte.
"Break!" Keine halbe Stunde nach Eintreffen der ersten Feuerwehrleute tönt das Wort aus dem Lautsprecher. Man mache jetzt anderthalb Stunden Pause. Die Statisten könnten sich aufwärmen und was essen. "Wir waren gerade in Fahrt, haben alles ausgeleuchtet und hätten mit der Bergung der Verletzten beginnen können." Geyso ist nicht der einzige Feuerwehrmann, der tobt. Michael Meißner und Landrat Dannenberg indes verteidigen den Stopp. "Stand so im Drehbuch."
Offenes Geheimnis
Hintergrund sei die lange Alarmierungszeit von weiteren Einheiten des Katastrophenschutzes: von Wasserrettung, Betreuungszügen, Technischem Hilfswerk. "Die sollen doch hier auch zum Zuge kommen", so Meißner und Dannenberg. Warum die Helfer aufgrund der Übungssituation nicht deutlich vor der Feuerwehr alarmiert worden waren, um die Wartezeit zu verkürzen, ist für die Verantwortlichen klar: Es sei eine Übung für den Ernstfall. Das sollte sich nicht vorher herumsprechen. Nur: Unter 248 Statisten sind gut die Hälfte Landkreisbedienstete, die zur Übung abgestellt waren und denen in den nächsten Tagen dafür Freizeit zusteht. Unwahrscheinlich, dass die Übung ein Geheimnis geblieben war. Zumal die Organisatoren aus dem Landratsamt außerdem in Schulen nach Freiwilligen für den Ernstfall gesucht hatten.
Zu denen gehörten Yvette Bähschmitt und Sabrina Müller. Beide sind angehende Gesundheitspflegerinnen im ersten Lehrjahr und nach der Pause "mit Kopfverletzungen" wieder in der Arena. Die nächtliche Kälte macht ihnen sichtbar zu schaffen. Stunden sitzen auch die jungen Frauen auf dem kalten Boden und warten auf Rettung. Für manche ist das zu viel.
Nach MZ-Informationen gab es den Ernstfall in der Übung. Unterkühlung und Kreislaufproblemen der Statisten müssen sich die Notfallretter widmen. Mit fortschreitender Dauer und immer mehr Einsatzkräften vor Ort scheint das Krisenszenario die Technische Einsatzleitung unter Vorsitz von Kreisbrandmeister Frank Schneider zu überrollen. Der Funkverkehr ist reich an Fragen. "Was ist mit Kraftstoff? Wir haben bald kein Licht mehr?", fragt Peter von Geyso beim Stab aus Rettern und Angestellten nach. "Wir kümmern uns." Und wo bleibt das Boot, das Gerald Jenner und Mitstreiter bei der Bergung der im Wasser Treibenden helfen soll? "Ist angefordert, aber noch nicht im Bereitstellungsraum."
Kopfschütteln beim Polizeichef
Falsch. Die Einsatzleitung wird korrigiert. Das Boot der DLRG ist seit zwei Stunden vor Ort. Nur angefordert wurde es nicht. Auch die Einsatzkräfte der Wasserschutzpolizei bleiben wie die Hundestaffel beschäftigungslos. Kopfschütteln beim Wittenberger Polizeichef Marcus Benedix.
Nur der Jessener Günter Wipfler indes ist guter Dinge. Der Zugführer des DRK-Betreuungszuges ist angekommen mit seinen Angeboten. 1 000 Portionen Erbensuppe mit Bockwurst hat er ausgereicht. Die Lunchpakete bleiben jedoch weitgehend unberührt. Die Statisten sind unterwegs nach Hause. Und am Wasser wartet die Feuerwehr aufs Boot der Wasserwacht.