Syrien Syrien: Land der Heimatlosen

Goseck - „Wir brauchen Verständnis für die Syrer, die in unser Land kommen“, sagte der Gosecker Ulli Hoffmann. Und als ihn Heimatchronist Fred Winter gebeten hatte, im Rahmen der Präsentation seiner zehnten Heimatblätter einen Vortrag zu halten, hat er sofort zugesagt. „Syrien wie es einmal war“ - so lautete der Titel des Vortrags, den er gern auch anderen Interessenten anbieten würde. Es waren Impressionen zweier Reisen aus einer Zeit, als es in Syrien noch keinen Krieg gegeben hat.
Ein halbes Dutzend Jahre und länger liegt das zurück. Damals hatte der 53-Jährige seinen Bruder Joachim begleitet, der als Zahnarzt Kontakte nach Syrien pflegte und in dem Land Vorträge gehalten hat. Hoffmann zeigte nun Bilder auch von der Omaijaden-Moschee in Damaskus, in der der Kopf von Johannes dem Täufer aufbewahrt wird. Zerstörungen seien von dort nicht bekannt.
Der Gosecker, der freiberuflich in Sachen interkultureller und entwicklungspolitischer Bildung arbeitet, sagte, dass er vor Jahren durchaus Sympathien mit den Aufständischen gehabt habe, die gegen das Assad-Regime vorgegangen sind. Er habe das als weiteren Meilenstein im Rahmen des arabischen Frühlings gesehen.
Islamischer Staat
Doch was jetzt dort durch den „Islamischen Staat“ passiere, sei nicht zu akzeptieren. Assad sei für ihn ein Diktator. Allerdings musste er auch bekennen, dass dieser Mann als Staatspräsident ethnische Minderheiten toleriert habe. Inzwischen hätten armenische Christen freilich das Land fast vollständig in Richtung Dubai verlassen.
Assads Toleranz war bei Hoffmanns früheren Besuchen in Syrien auch im Frauenbild auf der Straße sichtbar geworden. So habe er schwarz verschleierte Frauen neben solchen in modernen Kleidern mit Spaghettiträgern gesehen. Andererseits verglich der Gosecker Assads Geheimdienst mit DDR-Staatssicherheit und Gestapo.
Ulli Hoffmann zeigte Bilder vom Basar, in dem Kupferschmiede ebenso arbeiteten wie Gewürzmüller. Außerdem habe man hier außer Schweinefleisch alles bekommen, was das Herz begehrte. Und er erzählte davon, dass er aus einer Glasbläserei Produkte ausschließlich in blauer Farbe mitgebracht habe. Der Grund: Dort habe man jeweils eine Woche lang Glas in nur einer Farbe hergestellt.
Entwicklungshelfer in Nepal
Wie mag es heute in Damaskus aussehen? Das Land sei vom Krieg gezeichnet, auch Weltkulturerbe unwiederbringlich verloren. Und Hoffmann verwies auf zerstörte Grabtürme einer Tempelanlage in Palmyra und auf Gefangene des „Islamischen Staates“, die an Säulen gebunden und dann mit diesen in die Luft gesprengt wurden. Diese nun am Boden liegenden Säulen seien für ihn geradezu sinnbildlich.
Er betonte: „Mein Vortrag soll Verständnis für die Syrer wecken, die ihre Heimat verloren haben und nach Deutschland gekommen sind.“ Die Deutschen hätten hingegen eine Heimat und könnten sich trotz aller Probleme in der Welt den Luxus erlauben, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen, sagte der 53-Jährige, der Jahre als Entwicklungshelfer in Nepal tätig war.
Was er jetzt fühle sei permanentes Entsetzen. Denn Luftangriffe, wie sie jetzt verstärkt gegen den „Islamischen Staat“ durchgeführt werden, forderten auch unter unbeteiligten Zivilisten Opfer. Was wirklich gebraucht werde, seien politische Schritte und nicht das Drehen an der Gewaltspirale. (mz)