Der Chefsessel bleibt weiter verwaist
Weißenfels/MZ. - Die beiden Elternvertreter Dr. Kay Andrä und Guido Heinemann verstehen die Welt nicht mehr. Bereits das zweite Schuljahr ist das Weißenfelser Goethegymnasium, in das ihre Kinder zur Schule gehen, nun schon führungslos. Der langjährige Schulleiter Dirk Weniger hatte seinen Dienst zum Ende des Schuljahres 2006 / 07 aus gesundheitlichen Gründen beendet und war in den Ruhestand verabschiedet worden. Im August 2007 wurde die Chefstelle ausgeschrieben - und ist seither verwaist.
"Das heißt zwar nicht, dass der kommissarische Schulleiter Rüdiger Kastl seine Arbeit nicht gut macht, ganz im Gegenteil", findet Dr. Kay Andrä, Vorsitzender des Elternrates. Der bisherige Stellvertreter Kastl (52) fülle die Lücke zwar aus und erhalte den Schulbetrieb aufrecht, was anerkennenswert sei. Doch für die Entwicklung neuer Konzepte würde die Zeit fehlen, sorgt sich auch Guido Heinemann. Aus seiner Sicht mahlen Behördenmühlen nicht nur langsam, sondern im Falle des Gymnasiums seien sie wohl offensichtlich stehengeblieben. "Wir kommen uns vor wie bei Baumann und Clausen, den beiden Beamten aus dem Radio", ärgert sich Heinemann.
"Wahrscheinlich lief bis jetzt alles viel zu reibungslos - dank Rüdiger Kastl und seiner Lehrermannschaft, so dass sich die Behörden alle Zeit der Welt lassen und eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag legen", mutmaßt Kay Andrä. "Leute aus der privaten Wirtschaft könnten sich solch einen Arbeitsstil nicht leisten, die wären längst krachen gegangen", wettert Guido Heinemann. Der stellvertretende Schülersprecher Nils Otte spricht von einem "zähen Verlauf, der ein Ende haben muss, damit die Schule keinen Schaden nimmt."
Dass gesetzlich festgelegte Fristen eingehalten werden müssten, sehe er ein. Der Zwölftklässler erinnert an den Zeitpunkt der Ausschreibung der Leiterstelle im August vergangenen Jahres. "Viel zu spät", gibt er seinen Kommentar ab. Der Grund: "Dass Herr Weniger lange krank war, bevor er in den Ruhestand trat, haben alle gewusst - Schüler, Lehrer, Eltern, Verwaltung. Herr Kastl hat ihn schon während dieser Zeit vertreten. Das dürfte doch den Behörden des Landkreises und des Landesverwaltungsamtes nicht entgangen sein."
Nils Otte fühlt sich miserabel, wenn ihn immer wieder Mitschüler ansprechen, wann und wie es denn nun weitergehen würde mit der Schulleiterstelle. "Ich bin Schülersprecher und kann keine Auskunft geben, das ist doch eine Lachnummer", regt er sich auf. Zusammen mit den Elternvertretern habe er sich gefreut, als sich im März dieses Jahres der vom Landesverwaltungsamt bevorzugte Kandidat für die Schulleiterstelle während der Gesamtkonferenz im Gymnasium vorgestellt hatte. "Wir dachten, wir haben einen neuen Direktor", blickt der 17-jährige Gymnasiast zurück.
Eine Lehrerin, die sich auch für den Chefsessel beworben hatte, legte laut Landesverwaltungsamt Widerspruch ein und hatte einen entsprechenden Antrag am Verwaltungsgericht in Halle gestellt. Dies verbiete es, die beabsichtigte Bestellung zu vollziehen. Nach Informationen von Kay Andrä sollen die Würfel unter den beiden Konkurrenten nun im nächsten Monat fallen. Dann müsse seiner Ansicht nach ein Eilverfahren folgen.
Mit einem offenen Brief an Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) wollen Eltern und Schüler auf ihr Problem aufmerksam machen. "Die Arbeit der Behörden ist kein Vorbild für uns Schüler und schadet der Entwicklung unseres Gymnasiums", glaubt Nils Otte. "Es genießt einen guten Ruf - und das soll auch so bleiben."