Burgenlandkreis Burgenlandkreis: Mit «Ich bin die Tür» brilliert

NAUMBURG/MZ. - Naumburg hat nicht nur das Kunstwerk Westlettner im Dom, sondern auch eine hochkarätige Tondokumentation dazu - eine musikalische Kommentierung der steingewordenen biblischen Geschichte: Die Lettnerpassion von Reinhard Ohse, op. 108.
Spannung: Tradition und Moderne
Der Naumburger Kammerchor, der Solist Daniel Blumenschein und das hervorragend intonierende Mitteldeutsche Kammerorchester führten sich und die Zuhörer am Sonnabendabend unter dem präzisen Dirigat von Domkantor KMD Jan-Martin Drafehn wechselseitig zu besonderen Klangerlebnissen. Die direkte Einheit von Inspirationsquelle Westlettner - das jeweilige Relief wurde angestrahlt - von Passionsmusik und Raumklang - wiederum modelliert durch den Stein - kann nur der Aufführungsort Naumburger Dom bieten. Diese Aufführung war ein musikalisches und emotionales Erlebnis. Mit ihr wurde zudem der musikalische Auftakt zur Landesausstellung "Der Naumburger Meister" gegeben, die ab Ende Juni in Naumburg stattfinden wird. Ohses Lettnerpassion lebt von der Spannung zwischen konservativer Tradition und deren Aufbrechen durch Moderne in der Kompositionstechnik und vor allem der Instrumentierung. Das Werk weist entscheidende Besonderheiten auf: So trug der Chor die Evangelistenberichte vor. Dieser Kammerchor, ehemals von Ohse als Domkantor zu Naumburg (1978-1997) gegründet, wurde im Konzert von seinem Nachfolger im Amt und am Pult, Jan-Martin Drafehn, hervorragend geführt. Worte werden wie Pfeile abgeschossen: "kreuzige, kreuzige, kreuzige!"
Diesen im Mittelpunkt (IV. Teil von VIII.) stehenden tumultartigen Szenen der Niedertracht, gezischt vom Volk und durch das gesamte Orchester gezogen, standen die kontemplativen, weichen, berührenden, aber bestimmten Baritonklänge des Jesu gegenüber. Und sonst meist alternierend agierend, hier in der Mitte des vierten Teiles vereinen sich Chor und Bariton, um die Worte aus dem Johannesevangelium "Ich bin die Tür" als gemeinsames Glaubensbekenntnis in ruhiger Gewissheit zu intonieren.
Mit Dirigat punktgenau aufgesetzt
Drafehns entschlossenes und charismatisches Dirigat setzte punktgenaue Akzente und forderte von seinen Musikern den musikalischen und psychischen Grenzgang. Den Leipziger Daniel Blumenschein als Solist zu verpflichten: eine sehr glückliche Entscheidung. Er interpretierte den Part des Jesu mit Klangschönheit bei unbedingt notwendigem Volumen. Jedes Wort verständlich, jeder Ton rund und tragend, menschlich anrührend, weil mit Seele. Und Drafehn ließ ihm Raum, diese Stimmung zu leben.
Jeder Musiker ist ein Solist
Die Instrumentierung folgte dem klassischen Sinfonieorchester. Jeder ist ein Solist. Hohe künstlerische Klangkultur bei Individualität macht den Reiz einer solchen Besetzung aus. Der massive Einsatz von Schlagwerk als sprechende Instrumente brachte Dramatik und rhythmische Effekte. Durch das in Klang gießen von jedem Backenstreich, meisterlich ausgeführt durch das Xylophon, holte Ohse die Realität in seine Komposition mit hinein. Jeder Schlag traf und erschütterte. Die Schlaginstrumente waren das Rückgrat der Kammersinfonie. Sie verließen ihr sonstiges Schattendasein und traten ins Licht.
Ohse hat mit diesem Werk kompositorische Grenzen in vielfacher Hinsicht aufgesprengt. Was die Besucher hörten, war auch keine Passion im oratorischen Sinne, sondern eine Kammersinfonie mit acht Sätzen (komponiert 1987 / 88, uraufgeführt 1989 in der Thomaskirche zu Leipzig) und den im Jahr 2009 eingefügten Sätzen III B und IV B. Diese Einfügungen um den Verrat: III B: "Petrus und die Magd" und IV B: "Und weinte bitterlich" verstärken und flankieren die Mitte und boten auch noch Raum für ein schönes reines Sopransolo aus dem Chor herausgesungen von Jeannette Rack (Leipzig). Durch diese Erweiterungen erlebten auch die Gäste eine Uraufführung.
Aufführung auf CD festgehalten
Der anwesende Komponist war mit der Umsetzung seines Werkes sichtlich zufrieden. Das Publikum verharrte in Stille, um dann reichlich Beifall zu spenden. Schön, dass dieses Ereignis auf CD festgehalten worden ist. Dabei mussten nach dem eigentlichen Konzertabend zwei Passagen aus aufnahmetechnischen Gründen nochmals wiederholt werden, und die Zuhörer mussten aus Gründen der Akustik sitzen bleiben.