Burgenlandkreis Burgenlandkreis: Eine Birke für jedes Haus
NELLSCHÜTZ/MZ. - In Nellschütz, einem Ortsteil von Zorbau, das jetzt zu Lützen gehört, wohnen nur 150 Menschen in rund 60 Häusern. Die Nellschützer fühlen sich der heimischen Tradition verpflichtet. Sie begehen in diesem Jahr ihr 700. Dorfjubiläum. Das wird gefeiert, das ganze Jahr lang immer mal wieder. Dafür sorgt die Sport- und Freizeitgemeinschaft (SFG) - besonders zu Pfingsten.
Vom Sportplatz aus zog der Festumzug am Sonnabend quer durch den Ort. Obwohl der SFG mittlerweile 76 Mitglieder hat, die aber nicht nur in Nellschütz zu Hause sind, sondern in umliegenden Dörfern wohnen, nahmen nicht alle Dorfbewohner am Festumzug teil. Sie blieben zu Hause. Doch als sie die ersten Klänge des Historischen Trommlerzuges aus Lützen hörten, öffneten sie die Tore und empfingen zu Hause. Zu Pfingsten ist der musikalische Hausbesuch in Nellschütz erwünscht.
Dass dabei die Vorsitzende der SFG Marion Steingraf ein Oma-Täschchen in der Hand hält und gemeinsam mit Vereinsmitglied Uwe Prudlik noch vor der Kapelle den Weg durchs Dorf weist, hat seinen guten Grund. "Wir haben die Birken als Maien von der Mibrag geschenkt bekommen", sagt er. Erst am Tag zuvor seien sie geschlagen worden. Der Verein achte nun darauf, dass jede Familie eine Birke erhält, auch wenn gerade keiner zu Hause sei. Und der Verein verkaufe die Maien nicht, sondern stelle sie einfach hin.
Doch von den meisten Nellschützern werden die Maiensetzer und Eierbettler schon erwartet. Sie belohnen sie für die frische Birke und bedanken sich beim Verein mit einem bisschen Geld, das eben Steingraf in der Tasche sammelt. Die erste Maie landet bei Roy Kolbe am Ortseingang von Nellschütz. "Das ist hier Tradition", sagt er, das hat er gelernt. Er sei vor acht Jahren zugezogen. Damals habe er das nicht gewusst. Doch jetzt warten er und seine Kinder am Pfingstsonnabend. In den Korb der Eierbettler legt er eine Flasche Schnaps.
Auf der anderen Seite warten Wolfgang und Cornelia Höhne auf den Hausbesuch. "Wir sind alte Nelscher", sagt die Frau und erklärt damit, warum die große "700" auf dem Balkon klebt. Die Eierbettler werden in den Vorgarten gebeten, müssen mit dem Hausherrn ein Schnäpschen trinken. Auch das gehört zur Tradition. Genau deshalb sei die Familie zu Hause geblieben. Später wollen alle zum Sportplatz laufen, im Festzelt Kaffee und Kuchen genießen und am Abend beim Konzert der DDR-Kultband "The Butlers" sein. Da war es richtig voll, die Nellschützer und Gäste aus der Umgebung genossen die Musik, erfuhr die MZ.
Seit 1990, also schon zum 21. Mal, verteilte die SFG am Sonnabend die Maien. Bei den Eierbettlern habe sich aber mittlerweile etwas verändert. Früher hatten sich Männer als Frauen verkleidet, in jedem Haus um Eier und Wurst "gebettelt". Doch weil die Männer in jedem Haus nicht nein sagen konnten, wenn ihnen solche Getränke angeboten wurden, erlebten sie den kulturellen Pfingstabend dann nicht mehr. Deshalb gibt es in Nellschütz seit fünf Jahren vier Eierbettlerpaare, alle ganz unterschiedlich, hübsch verkleidet, die die Geschenke einsammeln. Dazu gehören Annett und Anne Kitze, außerdem Carmen Steingraf und Andrea Prudlik, Hiltrud und Andreas Eckert sowie Natalie und Lucas Kitze.
Vereinschef Steingraf erklärt, was daraus wird. "In ein, zwei Wochen treffen sich alle, die beim Maiensetzen und Eierbetteln mitgemacht haben, noch einmal", sagt er. Dann würden die Eier gebraten und die Wurst aufgegessen und natürlich auch der geschenkte Schnaps getrunken.
Dass in diesem Jahr der Umzug länger dauerte als in vergangenen Jahren, hatte seinen guten Grund. "Wir machen immer eine Pause zwischendurch, damit die Musiker sich mal hinsetzen und etwas trinken können", erklärt Steingraf. Außerdem werde der Pferdewagen mit neuen Birken bestückt. Doch genau in der Pause ging ein heftiger Regenguss über Nellschütz hernieder. Da wurden die Pferde in den Stall gebracht. Als die Sonne wieder schien, erhielten auch die restlichen Häuser ihre Maien.