Blaue Blume oder großer Schlachthof
Weißenfels/MZ. - Anrührender Gesang von Amsel, Lerche und Nachtigall eröffnet einen großen Konzertabend in der Weißenfelser Marienkirche. Die Sängerinnen Bobo, Almuth Kühne und Angela Winkler improvisieren die Vogelstimmen, erzeugen herrliche Klangbilder in der untergehenden Abendsonne.
"Wie ein König irdischer Natur ruft es (das Licht - d. A.) jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse" - Novalis-Texte fließen ein. Prominente aus Funk und Fernsehen rezitieren: Alexander Sternberg (Verbotene Liebe, Verliebt in Berlin), Otto Strecker (Der letzte Zeuge) und Jana Kozewa (Girl Friends, Im Namen des Gesetzes).
"Für mich ist Novalis die größte Zukunftskraft für Weißenfels, ein Manifest für seine kulturelle Identität", sagt Professor Bernhard Strecker. "Ich träume davon, hier Festspiele der Romantik zu initiieren und Weißenfels damit aus seiner kulturellen Bedeutungslosigkeit herauszuholen."
Als ersten Schritt in diese Richtung hat der Berliner das Novalis-Requiem initiiert und hofft, dass weitere Aufführungen folgen. Der Untertitel: Blume im Schlachthof? Poetische Texte von Novalis, Leonardo da Vinci, Freud und Dostojewski werden mit musikalischen Improvisationen verwoben, geben Denkanstöße und rütteln wach.
Architekt Bernhard Strecker möchte den Lebensraum Stadt behutsam umbauen, ihm geht es um geistigen Widerstand, denn physische und geistige Nahrung gehören für ihn zusammen. "Die tierischen Proteine sind die größte legale Droge unserer Zeit", sagt Strecker. Wie viel Schlachthof verträgt die Stadt, ohne ihre kulturelle Identität zu verlieren? "Menschliche Größensucht" (Freud) werden vor allem in der Bußpredigt von Hans Wollschläger - rezitiert von Hans Peter Krüger - in universellen Zerstörungszusammenhang. Von Rinderwahn und Schweinepest, Maul- und Klauenseuche und Hühnern in Legebatterien ist die Rede. "Könnte die Natur nicht über den Anblick Gottes zu Stein geworden seyn? Oder vor Schrecken über die Ankunft des Menschen?" - rezitieren die Sprecher Novalis. Und auch Pfarrerin Almuth Noetzel teilt in ihrer Ansprache die "Besorgnis um Gottes Geschöpfe".
Rosita und Manfred Börner vertreten die Gastgeber, nämlich die Bürgerinitiative Pro Weißenfels. Sie erhalten Unterstützung von zahlreichen Gleichgesinnten. "Ich bin einfach nur begeistert", sagt Christiane Grahn. Sie kommt aus Mahlwinkel und gehört dort zur Bürgerinitiative contra Schweinemast. Unterstützung erfahren die Weißenfelser auch aus dem Ziegelrodaer Forst. Ulrich Vogel und sieben Mitstreiter der Bürgerinitiative contra Schweinemast begrüßen das Vorhaben und sitzen auf den Kirchenbänken. "Es kommt darauf an, eine breite Öffentlichkeit für die Umweltproblematik zu sensibilisieren, dann werden wir erfolgreich streiten", sagt Vogel. Dabei schöpften die Bürgerbewegungen neuen Mut, denn die riesige Schweinefabrik auf dem alten Flugplatz in Allstedt wird wahrscheinlich nicht gebaut.