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Mansfeld-Südharz Mansfeld-Südharz: Riestedt vom Schlamm überrollt

Von RALF KANDEL UND FRANK SCHEDWILL 25.08.2011, 18:02

RIESTEDT/MZ. - Gritt Duda ist ratlos. "Eigentlich wollte ich mich um andere Dinge kümmern", sagt die 40-Jährige, während sie am Donnerstagvormittag in der Straße Am Baumgarten in Riestedt durch den Schlamm vor ihrer Garage watet. "Andere Dinge" sind für die Riestedterin vor allem ihr ungeborenes Kind, das in sechs Wochen auf die Welt kommen soll. Jetzt muss sich Gritt Duda aber erst einmal um ihr Grundstück kümmern. Denn das Unwetter mit etwa 35 Litern Wasser, die am Mittwochabend in einer halben Stunde vom Himmel fielen, hat in ihrem Haus große Schäden angerichtet. In den Kellerräumen steht auch Stunden danach noch das Wasser. Die Feuerwehr zieht ihr "abgesoffenes" Auto gerade aus der Garage. "Mein Mann ist auf Montage. Das Wasser und der Schlamm sind überall", erzählt sie.

Nur wenige Meter entfernt steht Gerhard Franke vor seinem Haus. Das Garagentor ist geborsten, die Scheiben zersplittert. Eine Spitzhacke, Besen und ein Glas Apfelmus stehen herum. Gummistiefel ebenfalls. Nur ein Schlauch der Feuerwehr verrät, dass es sich nicht um eine Explosion gehandelt hat, die das schmucke Einfamilienhaus so in Mitleidenschaft gezogen hat. Und natürlich auch das braune Wasser und vor allem der unübersehbare Schlamm: "Hier oben ist so etwas doch sonst noch nie passiert", schüttelt Franke immer wieder ungläubig den Kopf. Er zählt auf: "Die ganze Inneneinrichtung, Waschmaschine, Trockner, Solaranlage, alles ist hin. 1,60, 1,70 und noch höher hat das Wasser gestanden. Ich traue mich gar nicht, den Schaden zu beziffern." Und er diskutiert mit Feuerwehrleuten und Landrat Dirk Schatz (CDU), der ebenfalls fassungslos ist: "So was habe ich noch nie gesehen." Er und Sangerhausens Oberbürgermeister Ralf Poschmann (CDU) machen sich am Vormittag ein Bild der Lage.

In zwei Strömen durch den Ort

Ein ganzes Stückchen weiter, in der Magdeburger Straße, schippen Wolfgang und Karina Einicke Schlamm und Wasser aus ihrem Garten. Im Haus gegenüber ist Günther Wieprich am Wirken. Auch er ist fassungslos: "Das Wasser kam wie im Sturzflug. 40 Jahre wohne ich jetzt in Riestedt, aber so was habe ich noch nicht erlebt", so der 66-jährige.

Insgesamt hat es in Riestedt etwa 15 Grundstücke getroffen. "Das Wasser ist quasi in zwei Strömen von den Feldern durch den Ort geschossen", sagt Ortsteilbürgermeister Helmut Schmidt (BOS). Auf vielen Straßen liegen Schlamm und vor allem Stroh wie ein dicker Brei. An anderen Stellen ist sogar das Schlackepflaster herausgespült worden. Anwohner berichten davon, dass das gehäckselte Stroh von den Feldern oberhalb der Gemeinde ins Dorf gespült wurde. Es verstopfte dann die Einläufe der Kanalisation und potenzierte die Probleme noch. Denn generell war die Kanalisation mit den Wassermassen überfordert.

Schatz für Ausbau der Gräben

"Für solche Naturereignisse ist kein Abwassersystem ausgelegt", sagt Adelbert Stickel, der Geschäftsführer des Abwasserzweckverbandes "Südharz". Er selbst und weitere AZV-Mitarbeiter waren die ganze Nacht über in Riestedt im Einsatz. Der Verband half mit seinem Fahrzeug, den Schlamm aus vielen überfluteten Kellern zu pumpen. Außerdem wurde am Donnerstag damit begonnen, auf den geräumten Straßen die ersten Kanäle zu spülen. Eine Arbeit, die laut Stickel durchaus bis Ende nächster Woche andauern kann - vorausgesetzt, das Wetter macht den Riestedtern keinen Strich durch die Rechnung: Für Donnerstagabend wurden weitere Gewitter mit ergiebigen Niederschlägen erwartet.

Schatz kündigte unterdessen erste Schritte an, um eine erneute Schlammlawine wie in Riestedt zu vermeiden. "Aus meiner Sicht müssen sehr schnell Gespräche mit den Unterhaltungsverbänden geführt werden, damit die volle Funktionsfähigkeit der alten Flutgräben wieder hergestellt wird", sagte er. Die Daten über das alte Grabensystem sollten erfasst und dieses dann in seiner ursprünglichen Form wieder hergestellt werden. "Unsere Altvorderen haben diese Entwässerungs- und Flutgräben ja nicht ohne Grund angelegt."