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Brückenschlag glückt in der Nacht

Von Peter Lindner 07.03.2008, 17:38

Voigtstedt/MZ. - Es ist die Nacht. Der letzte Zug in Richtung Erfurt passiert die Baustelle an der künftigen Autobahntrasse der A 71 zwischen Voigtstedt in Thüringen und Edersleben. Gleich neben der Landesgrenze entstehen vier Brücken. Zwei der Autobahnbrücken sollen ihr "Dach" erhalten. Das heißt, auf die fertigen Widerlager werden Betonfertigteile gelegt. Das sei an sich kein Problem, so Dirk Valentin, Baubevollmächtigter der Planungsgesellschaft Deges.

Die Dimensionen der Fertigteile haben es freilich in sich. Schon eines für die Brücke über die Eisenbahn bringt an die 90 Tonnen auf die Waage. Und zwölf der rund 35 Meter langen Teile werden benötigt. Immerhin entspricht das fast Fußballfeldbreite. Um diese Kolosse anzuheben, wurde ein Mobilkran mit 700 Tonnen Hubkraft geordert. Für die Montagearbeiten steht praktisch nur ein Zeitfenster in der Nacht zwischen 23.30 Uhr und 3.30 Uhr zu Verfügung. In dieser Zeit muss der Zugverkehr unterbrochen und die Oberleitung abgeschaltet werden. In drei Nächten zuvor hat alles reibungslos geklappt. Jetzt fehlen noch drei Fertigteile.

Flutlicht taucht die riesige Baustelle in grelles Gelb. Es pfeift ein kalter Wind und feiner Nieselregen macht die Nachtschicht noch unangenehmer. Nässe kriecht selbst unter die Wettersachen der Bauleute, die entweder oben auf den Brückenwiderlagern die Montage vorbereiten oder die Betonteile auf den Lkw-Hängern für ihre "Luftfahrt" vorbereiten. "Ist ziemlich ungemütlich", sagt Volker Sell trocken. Sell ist mit seinen Kollegen von der Ingenieurgemeinschaft Setzpfand aus Weimar für die Bauüberwachung zuständig. Für eine sichere Luftfahrt müssen die Stahltrossen genau austariert werden, damit die schwere Fracht nicht verrutscht. Das wäre fatal. Matthias Ebbert hat es sich im Sitz seines Kranautos bequem gemacht. Es ist kurz vor 23.30 Uhr. Die Bauleitung wartet auf die Information, dass die Bahnlinie Sangerhausen-Erfurt für den Zugverkehr gesperrt und der Strom abgeschaltet ist. In der Krankanzel ist es mollig warm, darauf sind die Männer des Greußeners Unternehmens Hoch-, Tief und Ingenieurbau (HTI) nicht neidisch, denn die Verantwortung, die Ebbert für die Last am Haken hat, möchten sie nicht teilen. Aber auch die HTI-Leute haben "ihre Last zu tragen".

Dann kommt die Information "Oberleitung stromlos", und Ebbert kann mit sanften Bewegungen seines Joysticks das erste Teil in die dunkle Nacht heben. Für die Männer ist die Montage inzwischen Routine. Ziemlich flott folgen die letzten beiden Fertigteile. Im Bautagebuch steht dann: "Letztes Teil wurde um 2.30 Uhr montiert." Was keiner notiert hat, ist die schwere Arbeit bei Wind und Wetter. Nachrichten vom heran nahenden Sturmtief "Emma" machen der Bauleitung Kopfzerbrechen. Am Samstag soll nämlich die Nachbarbrücke ihr "Dach" erhalten. Bis Montagebeginn muss der Mobilkran an die Landstraße umgesetzt werden, das klappt auch reibungslos - nur nebenan zerzaust "Emma" schon die Pappeln.

Der mit notwendigem Ballast 300 Tonnen schwere und 587 PS-starke Mobilkran koste eine Menge Geld, wenn er sich nicht bewegt. Die genaue Summe pro Tag will keiner nennen, es dürften ein paar Tausend Euro sein. Zeit ist Geld. Und dann immer wieder der Blick zum Windmesser, der sich immer schneller dreht. Inzwischen sind es weit mehr als 15 Meter pro Sekunde. Dann fällt die Entscheidung: "Wir brechen die Montage ab, ist zu gefährlich."

Am Sonntagabend hat sich das Sturmtief verflüchtigt und die Montagearbeiten an der Brücke über die Landstraße zwischen Voigstedt und Edersleben können weiter gehen. "Alles ging gut, das sind hier alles Profis", lobt schließlich Kranführer Matthias Ebbert aus Nordrhein-Westfalen die Bauleute. Die stammen übrigens alle, bis auf einen aus Thüringen. Und der eine ist ein Sachse, war schmunzelnd zu hören. An den insgesamt vier Brücken, die an der Landesgrenze entstehen, gibt es freilich noch allerhand zu tun. Die Fertigstellung ist für den Herbst 2008 geplant. Dann könnte, wenn alles klappt, mit dem Bau der Trasse begonnen werden. Für dieses Baulos zeichnet dann eine Arbeitsgemeinschaft aus Sachsen-Anhalt die Hall-Bau / Mölders Baugesellschaft aus Halle verantwortlich.

Die vier Brücken bei Voigtstedt kosten insgesamt 7,5 Millionen Euro, allein für die Brücke über die Eisenbahn sind 2,3 Millionen fällig. Etwas mehr - nämlich rund 13 Millionen Euro kosten dann die Brücken bei Niederröblingen über die Helme und über die so genannte kleine Helme. Dort wird schon tüchtig an der Baustraße gebuddelt. Die ist notwendig, um im feuchten Ried die Baustellen mit schwerem Gerät ohne "einzusacken" zu erreichen. Dieses Autobahnteilstück wird wahrscheinlich im Frühjahr 2010 fertig gestellt sein. Nicht viel später dürfte dann auch schon der Verkehr aus Thüringen kommend über das Dreieck Südharz bei Sangerhausen rollen.