1. MZ.de
  2. >
  3. Lokal
  4. >
  5. Nachrichten Quedlinburg
  6. >
  7. Quedlinburg: Quedlinburg: Dialog über arm und reich

Quedlinburg Quedlinburg: Dialog über arm und reich

Von Rita Kunze 15.11.2015, 15:28
In der Quedlinburger Wipertikirche zeigt Wolfgang Dreysse mit Modellen den achtjährigen Werdegang seiner Skulptur des Heiligen Martin (rechts), die über dem Westportal der St.Martini-Kirche Minden zu sehen ist. Er thematisiert damit das Verhältnis von Arm und Reich.
In der Quedlinburger Wipertikirche zeigt Wolfgang Dreysse mit Modellen den achtjährigen Werdegang seiner Skulptur des Heiligen Martin (rechts), die über dem Westportal der St.Martini-Kirche Minden zu sehen ist. Er thematisiert damit das Verhältnis von Arm und Reich. Chris Wohlfeld Lizenz

Quedlinburg - Der Heilige Martin, wie ihn der Quedlinburger Bildhauer Wolfgang Dreysse zeigt, ist keine Heldenfigur: Klein und etwas dickbäuchig hält er ein Stück Stoff fest, das ihn mit dem großen, ausgemergelten Bettler, der eine Dornenkrone trägt, verbindet. Seit 2001 befindet sich die Skulptur über dem Westportal der St.-Martini-Kirche in Minden. Der lange, sich über Jahre erstreckende Weg vom ersten Entwurf bis zum fertigen Werk ist derzeit in der Wipertikirche in Quedlinburg zu sehen. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung wurde auch der Gesprächskreis „Im Zeichen der Gastfreundschaft“ gegründet; sein Initiator Dreysse hofft, dass er viele Teilnehmer finden wird.

Den Anlass zur Ausstellung unter dem Thema „Der Heilige Martin, zu Gast in St. Wiperti“ und die Gründung des Gesprächskreises geben die aktuellen Ereignisse der Flüchtlingspolitik in Deutschland. Der Gesprächskreis sei ein Angebot zum Dialog für alle, die Gesprächsbedarf haben, sagt Dreysse. Er habe die Hoffnung, dass im Rahmen der Veranstaltungsreihe ganz unterschiedliche Themen zur Sprache kommen, damit Wissen und Erfahrungen verdichtet werden, die man brauche, um mit der neuen Situation zurecht zu kommen.

Neue Wege durch Gesprächskreis

„Gastfreundschaft ist eine zeitlose moralische Größe“, sagt Dreysse. Es sollte künftig gelingen, fernab physischer und psychischer Ängste eine Gesprächskultur zu entwickeln, die den Themen Angst, Asyl, Arbeit und Frieden angemessen sei. Im Gesprächskreis könnten die Teilnehmer „jede Menge argumentativer Klärung erfahren“. Die Kunst könne dabei die Freiheit stiften, neue Wege zu gehen.

Dass der Gesprächskreis in der Wipertikirche und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zur Flüchtlingsunterkunft gegründet werde, sei ein schönes Bild, sagt Quedlinburgs Oberbürgermeister Frank Ruch (CDU), der die Schirmherrschaft über die Aktion übernommen hat. „Ich bin der festen Überzeugung, dass der Gesprächskreis getragen und uns durch die nächste Zeit tragen wird.“ Es sei nicht immer leicht, die Willkommenskultur „über den ersten Anflug der Hilfsbereitschaft hinweg zu tragen“, so Ruch. „Ich bin überzeugt, dass wir schwierige Diskussionen bekommen werden.“ Der Quedlinburger Gesprächskreis biete eine Möglichkeit, auch einmal „Dampf abzulassen“.

Ruch verlas während der Gründungsveranstaltung ein Grußwort von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Darin betonte Stahlknecht, dass die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge die vordringlichste Aufgabe sein werde. Ihnen solle mit einer „grundsätzlich wertschätzenden Haltung“ gegenübergetreten und die Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gegeben werden. Akzeptanz sollte aber nicht nur die Aufnahmegesellschaft zeigen, sondern gleichermaßen sollten Flüchtlinge Sitten, Regeln und Gesetze des Gastlandes akzeptieren. So müsse man ihnen „von Beginn an helfen, diese Regeln anzunehmen“. Sie müssten die deutsche Sprache lernen, und das ginge „am besten direkt vor Ort mit ganz konkreten Projekten“.

In den Flüchtlingsströmen, die sich nach Europa aufmachten, sei „der kalte Hauch der Armut“ immer stärker zu spüren, so Dreysse, der seine Skulptur des Heiligen Martin - Leitbild des christlichen Glaubens - als Sinnbild der Spannung zwischen Arm und Reich verstanden wissen will: „Der Mantel, der Wärme und Geborgenheit verspricht, muss geteilt werden.“ (mz)