Gebühren sogar für einen Sitzplatz
STRASSBERG/MZ. - Doch in diesem Jahr gab es einen besonderen Anlass zu feiern, wurde die St. Christopherus-Kirche doch im Herbst vor 275 Jahren geweiht. Mit einer Festveranstaltung, in der Reim manch Anekdote aus der weit über 500-jährigen Kirchengeschichte auf amüsante Art zum Besten gab, erinnerte er, unterstützt von passender Musik der Gruppe "Stilbruch" aus dem thüringischen Magdala, an die Entwicklung des Gotteshauses. Die meisten der seit 1489 in Straßberg amtierenden 37 Pfarrer hinterließen Berichte in den Kirchenbüchern, aus denen er Interessantes von früher hervorgekramt hatte und die Leute oft zum Schmunzeln brachte.
"1655 gab es 22 Kirchenkühe, die auf die Bauern verteilt waren und für die der Halter jeweils fünf Taler an die Kirche zahlen musste", verwies er auf die damaligen Einnahmequellen, zu der auch "Pacht fürs Kirchenland und Gebühren für einen festen Sitzplatz in der Kirche" gehörten. Das verleitete Reim trotz guten Besuchs an diesem Abend zu der Anmerkung: "Damals waren die Sitzplätze noch begehrter als heute." Zudem gehörten Schafe, Schweine und Kühe zum Bestreiten des Lebensunterhalts des Pfarrers, die bei einem Wechsel auf den Nachfolger übertragen wurden. "Da hätte mein Nachfolger aber schlechte Karten", konnte er sich manch Seitenhieb auf aktuelle Situationen nicht verkneifen. Auch nicht, als die Bergmannssiedlung "Freiheit" 1870 in die Gemeinde Straßberg einverleibt wurde, gegen den erheblichen Widerstand der Bewohner. "Hört, liebe Kommunalpolitiker, solche Zwangseingemeindungen gab es schon damals." Obwohl ein verordnetes neues Gesangsbuch oder eine dem unschuldigen Pfarrer angelastete Absage eines Tanzvergnügens damals zu heftigem Streit zwischen Kirche und Einwohnern führten, erhofft sich Thomas Reim von der Kirche abschließend, dass sie "ein Ort der Stille, der Andacht und der Gemeinschaft in Straßberg" sein möge.
"Wie lieblich sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth, ...", zitierte der amtierende Superintendent Johannes Müller aus Stolberg beim Grußwort einen Spruch aus den Psalmen, der ausgerechnet für diesen Tag die Losung war und nicht besser auf das Jubiläum hätte passen können. Ein anderes Problem beschäftigte Ortsbürgermeister Willi Banse: "Ohne die Kirche kann man einfach kein gelungenes Foto vom Dorf machen." Das zeige aber, dass sie "das Zentrum im Ort ist und ihn belebt". Unterstützung für die geplante Sanierung versprach der amtierende Bürgermeister Meik Noppe und hatte dem Anlass entsprechend für die Feier 275 Euro mitgebracht. Am Sonntag erzählten Teile der Kirche, wie Glocke oder Steine, den vielen Festgottesdienstbesuchern aus ihrem bewegten, 275-jährigen Leben, bevor sich die Gäste mit Hunderten Zuschauern an die Strecke zum üblichen Seifenkistenrennen begaben, um die knapp zwanzig Teilnehmer anzufeuern. Zwar nicht die schnellsten, dafür aber die würdigsten waren Thomas Reim und Meik Noppe, die sich zum Jubiläum mit der "Beamtenschaukel" am Wettkampf beteiligten. "Dieses Ergebnis ist unwichtig, viel bedeutsamer ist die gute Resonanz der Bürger", freute sich Reim, für die sogar noch eine Festschrift erstellt werden soll.