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Bürgerpreis "Der Esel der auf Rosen geht" Bürgerpreis "Der Esel der auf Rosen geht": Flüchtling Aladin aus Syrien ist Übersetzer

Von Tina Schwarz 26.02.2017, 11:00
Der 19-jährige Aladin Nasr übersetzt regelmäßig für seine Landsleute und arbeitet ehrenamtlich als Sprachlehrer im Familiencafé.
Der 19-jährige Aladin Nasr übersetzt regelmäßig für seine Landsleute und arbeitet ehrenamtlich als Sprachlehrer im Familiencafé. Peter Wölk

Merseburg - Das Telefon von Aladin Nasr klingelte. Ein Freund bat ihn, schnell ins Krankenhaus in Merseburg zu kommen. Es gäbe einen Notfall. „Seine Frau war schwanger und hatte schon länger Probleme mit dem Baby“, erklärt der 19-jährige Syrer. „Irgendwas stimmte nicht. Sie spürte das Kind nicht mehr.“ Die Ärzte konnten dem Paar aber nicht mehr helfen.

Das Kind starb noch im Mutterleib, für seine Freunde bereits die zweite Totgeburt.

Aladin half beim Übersetzen - obwohl er selbst noch nicht lange Deutsch sprach

Aufgrund der Sprachbarrieren war es für die Ärzte allerdings schwierig, sich mit dem jungen Paar - das ebenso viele Fragen an die Mitarbeiter der Klinik hatte - zu verständigen. Aladin Nasr sollte helfen. Obwohl der 19-Jährige selbst noch nicht lange Deutsch sprach, versuchte er, so gut wie möglich zu übersetzen. „Die Ärzte waren sehr freundlich und nachsichtig mit mir“, erinnert er sich.

„Natürlich gab es Wörter, die ich nicht kannte, aber mit Händen und Füßen funktionierte die Verständigung dann irgendwie.“ Auch als seine Schwester ein Kind bekommen hatte, war Nasr im Krankenhaus und hat übersetzt, erzählt er.

Aladin wollte trotz drohender Abschiebung Deutsch lernen

Aladin, der ursprünglich aus Damaskus in Syrien stammt, lebt seit Oktober 2015 in Deutschland. Seine Eltern sind in Syrien geblieben. „Die erste Zeit habe ich hier in einer Wohngemeinschaft mit anderen Syrern gelebt“, erzählt er. „Dort haben wir uns aber nur auf Syrisch verständigt.“

Ein paar Monate später zog Nasr dann in eine eigenen Wohnung und begann sich eine Frage zu stellen: Lohnt es sich, Deutsch zu lernen, wenn ich vielleicht irgendwann wieder zurück nach Syrien gehe? Nasr beantwortete diese für sich mit Ja. „Ich will in Deutschland weiterleben. Und das geht nur, wenn man die Sprache beherrscht, die hier gesprochen wird.“

Wörterbuch im Handy hilft dem Syrer im Alltag

Er meldete sich für einen Kurs an der Volkshochschule an. Innerhalb von ein paar Wochen sprach er die ersten Sätze. „Am schwierigsten ist der große Wortschatz. Denn im Deutschen gibt es sehr viele Wörter“, erklärt er.

Um die nicht zu vergessen, hat er sich in seinem Handy ein kleines Wörterbuch angelegt, das er im Alltag nutzt. Über Youtube schaut er sich regelmäßig Sprachlern-Videos an. Unter seinen Landsleuten in Merseburg ist der junge Mann bereits als Übersetzer bekannt.

„Ich werde immer angerufen, wenn jemand meine Hilfe braucht“, erzählt Nasr. „Ich freue mich dann, denn so kann ich gleichzeitig die Sprache üben und helfen.“ Denn um sich zu verbessern, müsse man so oft wie möglich sprechen, fügt er hinzu.

Aladin gibt Syrern regelmäßig Sprachkurse, arbeit ehrenamtlich im Frauencafé.

Neben einer Maßnahme vom Arbeitsamt arbeitet der 19-Jährige einmal in der Woche ehrenamtlich im Frauencafé in Merseburg und spielt dort mit den Kindern. Auch gibt er regelmäßig Sprachkurse für andere Syrer.

Als nächstes will er einen aufbauenden Deutschkurs an einer Sprachschule in Halle besuchen. „Ich muss mich noch im Satzbau und in der Grammatik verbessern“, sagt Nasr. Außerdem benötigt er den Sprachnachweis, um den Realschulabschluss nachholen zu können.

Sein Ziel ist es, vielleicht noch in diesem Jahr eine Ausbildung zu beginnen oder sogar zu studieren. „Ich könnte mir vorstellen, irgendwann mal Informatiker zu werden.“ (mz)