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Deutsch-syrische Erfolgsgeschichte Aladin Nasr aus Syrien: Wie Deutschland zur zweiten Heimat des Geflüchteten wurde

Von Silvia Zöller 18.11.2017, 10:55
Aladin Nasr flüchtete 2015 nach Deutschland. Jetzt wohnt er in Merseburg, wo auch seine Geschwister leben. Das Ziel des engagierten jungen Mannes ist,  Informatiker zu werden.
Aladin Nasr flüchtete 2015 nach Deutschland. Jetzt wohnt er in Merseburg, wo auch seine Geschwister leben. Das Ziel des engagierten jungen Mannes ist,  Informatiker zu werden. Andreas Stedtler

Merseburg/Halle (Saale)/Syrien - Aladin rührt nachdenklich in seinem Kaffee. Der 20-Jährige aus Syrien hat viel Glück gehabt: Die Flucht aus dem Kriegsgebiet gelang ihm Ende 2015 über den gefährlichen Mittelmeer-Weg, jetzt wohnt er in Merseburg, wo auch sein Bruder und seine Schwester mit ihren Familien leben.

Er ist froh, in Halle nun seinen Realschulabschluss nachholen zu können, denn wegen des Kriegs war in Damaskus nach sechs Schuljahren Schluss. Aber das Glück, ein Leben führen zu können, das für andere schlichtweg stinknormal wäre, treibt den jungen Mann an:

Er investiert viel Zeit in ehrenamtliches Engagement für andere Geflüchtete, hilft beim Dolmetschen und betreut Eltern und Kinder im internationalen Frauencafé des Kirchenkreises Merseburg.

Geflüchteter Aladin Nasr aus Syrien: Für Engagement ausgezeichnet

Aladin schaut von seiner Kaffeetasse auf: „Wir sind doch alle Menschen. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich viel menschlichen Beistand und Hilfe erfahren. Und jetzt freue ich mich, dass ich anderen helfen kann.“

Für sein Engagement ist der ungewöhnliche junge Mann im Frühjahr mit dem Bürgerpreis „Der Esel, der auf Rosen geht“ ausgezeichnet worden. Ein Jahr lang begleitet die Mitteldeutsche Zeitung nun Aladin Nasr auf seinem Weg - welche Chancen nutzt der Flüchtling?

Was sind Fallstricke für einen 20-Jährigen, der alles tut, um sich zu integrieren? Was macht einen jungen Moslem in Deutschland traurig, was macht ihn froh? Wie geht er damit um, dass seine Eltern wahrscheinlich nie nach Deutschland nachziehen können und er mit ihnen nur über das Telefon Verbindung aufnehmen kann?

Aladin Nasr flüchtet von Syrien nach Deutschland: Realschulabschluss vielleicht erst der Anfang

Eine, die es wissen muss, wie Aladin mit diesen Dingen umgeht, ist Manuela Diegmann. Die Leiterin des Bildungsprojekts für Migranten „Loop“ der Stiftung St. Johannis, wo Aladin derzeit seinen Realschulabschluss nachholt, ist von ihm begeistert:

„Er ist immer da, er ist super zuverlässig.“ Selbst eine Erkältung halte Aladin nicht vom Schulbesuch ab, immer wenn Hilfe gebraucht werde, sei er zur Stelle.

Kein Wunder: Aladin will unbedingt den Realschulabschluss schaffen, denn er will noch mehr und noch weiter: Informatiker zu werden ist sein Ziel. Vielleicht sogar über ein Studium, für das er über ein Abendgymnasium das Abitur nachholen will. Wenn es mit dem Realschulabschluss geklappt hat.

Aladin Nasr aus Merseburg: Vorbereitung auf Prüfung an externer Schule

Ein Jahr ist das Ziel, das sich Aladin gesetzt hat. Nicht alle im Projekt „Loop“  schaffen den Realschulabschluss in dieser Zeit, manche brauchen zwei Jahre, berichtet Manuela Diegmann.

Zwölf Schüler pro Klasse besuchen diesen Vorbereitungskurs, der die jungen Flüchtlinge im Alter von 17 bis 27 Jahren auf die externe Prüfung an einer Regel-Schule in Halle vorbereitet - entweder für den Realschulabschluss oder für den Hauptschulabschluss.

In vier Klassen lernen so Migranten aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia und vielen anderen Ländern, jedoch nur die Prüfungsfächer wie Deutsch, Mathematik, Geografie oder Physik - Sport oder Kunstunterricht gibt es nicht.

Geflüchteter Aladin Nasr aus Syrien: Sprache als Schlüssel zu Deutschland

Finanziert wird das Projekt von der Stadt Halle und dem Landkreis Merseburg sowie vom Landesjugendamt. „Wie schnell die Prüfungen zu schaffen sind, hängt vor allem von den Deutschkenntnissen ab“, sagt Manuela Diegmann. Und die sind bei Aladin nach knapp zwei Jahren in Deutschland ausgezeichnet.

Dafür hat der 20-Jährige auch viel getan. Das Warten auf einen Deutsch- und Integrationskurs kürzte er ab, indem er sich für einen Deutschkurs bei der Volkshochschule anmeldete.

„Ich will in Deutschland leben. Das geht nur, wenn ich die Sprache beherrsche, die hier gesprochen wird“, sagte er sich. Ein Wörterbuch, das er sich selbst im Handy anlegte, half ihm oft weiter, ebenso Lern-Videos im Internet, mit denen er sein Deutsch verbesserte.

Aladin Nasr: Deutsch in der Schule fällt ihm nicht einfach

Und auch, dass er in Merseburg im Frauencafé für Landsleute dolmetschte, in Deutschkursen der Einrichtung half und sogar bis vor Kurzem als Bundesfreiwilliger für das Frauencafé im Einsatz war - immer auch als Sprachmittler. Im Sommer dieses Jahres schaffte er so bereits den Abschluss eines Deutschkurses für Fortgeschrittene.

Jetzt, im Schulunterricht, fällt Aladin trotz allem nicht immer alles leicht. „Das Deutsch ist ganz anders als das, was ich in den Kursen gelernt habe“, sagt er ein wenig geknickt.

Es sind die zahllosen Fachbegriffe, die in der Physik oder in der Mathematik vorkommen. Auch wenn er Englisch schon in Syrien gelernt hat, ist es nicht ganz leicht für ihn: „Ich habe viel vergessen.“

Geflüchteter Aladin Nasr aus Merseburg: Einzige Chance beim Loop-Projekt

Schließlich ist es ja auch schon fünf Jahre her, seit er das letzte Mal in seiner Heimat auf der Schulbank gesessen hat. Da hilft nur eines: lernen, lernen, lernen.

Drei bis vier Stunden setzt sich Aladin nach der Schule, die um 14 Uhr endet, zu Hause hin und paukt den Stoff. Wenn er mal nicht Bescheid weiß, fragt er in der Whats-App-Gruppe nach, die für jede Klasse eingerichtet ist.

Freunde? Hobbys? Dafür hat Aladin im Moment keine Zeit. „Der Schulabschluss ist mein Ziel und mein Wunsch“, sagt er. „Wir alle haben nur diese eine Chance beim Loop-Projekt.“

Aladin Nasr aus Syrien: Alle sollen ihre Ziele erreichen

Die einzige Auszeit, die er sich vom Lernen derzeit nimmt, ist Mittwochnachmittags im Merseburger Frauencafé. Dort übersetzt er, hilft Kindern bei den Schularbeiten oder betreut sie.

Und arbeitet an einer neuen Idee: Gemeinsam mit Studenten der Merseburger Hochschule sollen nun weitere Flüchtlinge aus Merseburg für ein ehrenamtliches Engagement sowohl im Frauencafé als auch für gemeinsame Aktivitäten gewonnen werden.

Was fehlt für Geflüchtete überhaupt an Angeboten in Merseburg? Wie könnte man mit Sportprojekten die Integration weiter vorantreiben? Antworten auf diese Fragen sollen die Studenten der Sozialarbeit der Hochschule Merseburg finden - ein wenig auch mit der Hilfe von Aladin.

„Es ist nicht wichtig, von wem die Idee gekommen ist“, sagt er bescheiden. Ihm geht es darum, dass auch andere ihre Ziele erreichen. Und zwar hier in Deutschland, das Land, von dem Aladin sagt: „Das ist meine zweite Heimat.“ (mz)