Acht Biographien mit Ungereimtheiten
Merseburg/MZ. - Uta Leichsenring, Leiterin der Außenstelle Halle der Stasi-Unterlagen-Behörde, hatte dabei die Moderation übernommen.
Hirschinger, der u. a. in Stuttgart und Halle Musik und Geschichte studiert hat, promovierte im Jahr 2001 mit seinen Forschungen über die "NS-Euthanasie in Halle und der Landesheilanstalt Altscherbitz". Bei weiteren Recherchen über politische Säuberungen von KPD und SED in den Jahren 1918 bis 1953 stieß er dann auf einige Namen, die dazu gehörigen Biographien und auf darin enthaltene Ungereimtheiten. "Und da dachte ich mir, hier musst du einmal genauer hinschauen", so Hirschinger.
Er begann sie zu hinterfragen, vor allem dort, wo Leute nach dem Zweiten Weltkrieg in Amt und Würden gehalten und in der Öffentlichkeit als Idole gefeiert wurden, obwohl die Dokumente laut Hirschinger von Verfehlungen und Verrat sprachen. "Die Kaderakten wurden bei der SED und der Stasi bewusst unter Verschluss gehalten", weiß Hirschinger. "Ich war mir durchaus der Fragwürdigkeit mancher Quellen bewusst, etwa wenn Aussagen vor bestimmten Gremien wohl nicht immer ganz freiwillig erfolgten, oder vielleicht sogar unter psychischem Druck bis hin zur Folter erpresst wurden", so der Historiker gegenüber der MZ.
Um dem zu begegnen, habe er neben den Akten der SED-Parteikontrollkommission ihm alle zugänglichen Archive des Bundes, von Forschungsstätten und des Landes, so auch in Merseburg, genutzt. Hirschinger, dessen Thesen nicht unumstritten sind, analysiert im Buch an acht Beispielen aus dem Raum Halle, wie in der DDR Lebenswege von KPD- und SED-Funktionären zum Zweck der Traditionspflege manipuliert wurden.
So berichtete er über Otto Kipp (1903 - 1978), der als so genannter Funktionshäftling und zweiter Kapo im Krankenbau des KZ Buchenwald eingesetzt war (Hirschinger: "Das war eine Gradwanderung zwischen Hilfe für die Häftlinge und Kollaboration mit den Wärtern") und so mit über Leben und Tod entscheiden konnte. In der DDR führte Kipp dann durch die KZ-Gedenkstätte und gab als Antifaschist in einem Defa-Dokumentarfilm über das KZ-Leben Auskunft.
Hirschinger stellte auch seine Forschungsergebnisse über Jupp Gerats, bis heute Vorsitzender des Interessenverbandes der NS-Verfolgten Sachsen-Anhalts (IVVdN), sowie über Kurt Kuhles und Martha Brautzsch vor. Die Reaktionen auf sein Buch bezeichnete Hirschinger als "überwiegend positiv". Schade allerdings, dass am Abend nur wenige Interessierte den Weg ins Ständehaus fanden.
Das Buch "Fälschungen und Instrumentalisierung antifaschistischer Biografien. Das Beispiel Halle / Saale 1945-2005" gibt es für 22,90 Euro.