Abschied vom Berufsleben Abschied vom Berufsleben: Die Welt der Töne ein Stück geöffnet
Merseburg/MZ. - 32 Jahre lang kümmerte er sich engagiert um die Belange von Menschen mit Sprach- und Hörschädigungen - "seine" Beratungsstelle war so manches Mal letzter hoffnungsvoller Anlaufpunkt für ratlose Eltern, aber auch andere Erwachsene, die plötzlich ertaubt waren oder mit Sprachproblemen kämpften.
Nun geht der 63-Jährige in den Vorruhestand. Mit gemischten Gefühlen, aber letztlich war es seine Entscheidung. "Man muss zur rechten Zeit aufhören können", findet er - und kann ruhiger Abschied nehmen, weil sein Platz nicht leer bleibt. Nicole Spiegel, eine junge Frau, leitet künftig die sonderpädagogische Beratungstelle für Sprach- und Hörgeschädigte in der Naumburger Straße 16 in Merseburg. Die Arbeit geht weiter, das ist wichtig. Jilg will nun, wo er Zeit hat, seine Erfahrungen aufschreiben - die guten und auch die unangenehmen.
Seit dem Einstieg ins Berufsleben hat sich Adolf Jilg der Arbeit mit hör- und sprachgestörten Menschen verschrieben. Das war es, was er schon immer wollte - und so absolvierte der Oberstufenlehrer für Mathe und Polytechnik vier Semester Zusatzstudium in Berlin.
Erste berufliche Erfahrungen sammelte er an der Schwerhörigenschule in Halle, bis er im März 1972 die Beratungsstelle in Merseburg - damals in der Eisenbahnstraße - mit gründete und übernahm. Seither gilt er als unermüdlicher Streiter für eine möglichst frühzeitige Erfassung und Förderung der Sprach- und Hörgestörten.
Regelrechte Begeisterung schwingt in seiner Stimme mit, wenn er von den Jüngsten erzählt. Wie sie hier langsam auftauen, beobachten lernen, die Welt der Töne entdecken. Spielerisches Lernen ist sein Credo, und Einbeziehung der Eltern, die selbstverständlich bei den Übungsstunden zuschauen können. Immerhin sollen sie ja auch daheim mit den Kindern trainieren. Einige der Knipse, die er in den ersten Jahren betreute, melden sich heute noch ab und an bei ihm.
Bis 1993 betreute die Beratungstelle auch Erwachsene. Frauen und Männer, die nach einem Schlaganfall nicht mehr richtig sprechen konnten, andere, die plötzlich ihr Gehör verloren hatten. Da Adolf Jilg sich auch über die Hörhilfsmittel auf dem neuesten Stand hielt, konnte er vielen mit Rat und Tat helfen. Wo es sich anbot, warb er um Verständnis und Aufgeschlossenheit gegenüber Sprach- und Hörgeschädigten, hielt Vorträge, publizierte.
Heute kommen vor allem Vorschulkinder zur Beratungsstelle, die unmittelbar neben der Schule des Lebens in Merseburg ihr Domizil hat. Zum Teil haben Mütter und Väter selbst gemerkt, dass ihr Kind Auffälligkeiten aufweist, aber auch Ärzte, Kindergärten, Schulen überweisen die Mädchen und Jungen. Hier erfolgen dann Diagnose und Behandlung.