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Zweiter Weltkrieg Zweiter Weltkrieg: Notabwurf bei Gröbzig

Von Ute hartling-Lieblang 18.02.2014, 21:59

Gröbzig/MZ - Ursula Ecke war am 30. Mai 1944 gerade mal einen Monat alt. Das, was an diesem Tag nahe dem Haus ihres Großvaters Paul Rolle im Wiesenweg 1 passiert ist, in dem sie heute mit ihrem Mann Karl-Heinz wohnt, weiß sie nur aus Erzählungen. Später, als Kind, hat sie die Bombentrichter auf der Wiese selbst gesehen, von denen es heißt, dass die Bomben aus genau der Maschine abgeworfen wurden, aus der sich der amerikanische Heckschütze Robert Hittel 1944 in letzter Minute retten konnte.

Die MZ hatte seine Geschichte bereits 1992 recherchiert und sie jetzt wieder aufgegriffen, weil ein Neffe Hittels im kommenden Herbst von Idaho an den Absturzort reisen will und aus diesem Grund mit der MZ Kontakt aufnahm. Karl-Heinz Ecke und seine Frau nahmen die Geschichte in der MZ zum Anlass, um auf einen Bericht aufmerksam zu machen, den sie bereits im vergangenen Jahr im Gröbziger Heimatblatt veröffentlicht haben. Das Ehepaar hat den Vorfall aus verschiedenen Gesprächen mit Zeitzeugen schon vor einigen Jahren rekonstruiert. In dem Bericht heißt es:

„Am frühen Morgen des 30. Mai 1944 steigen, wie fast täglich zu dieser Zeit, amerikanische Bomber von ihren Flugplätzen in England in die Luft. Ihr Auftrag lautet: Zerstörung von deutschen Flugplätzen und Flugzeugwerken im mitteldeutschen Raum. Das Flugzeug, eine viermotorige ’Liberator’, gehört zur Gruppe 381 der Schwadron 533 der 1. Air-Division der US-Luftwaffe. Mit einer Reisegeschwindigkeit von 320 Kilometer pro Stunde und einer Bombenlast von 5 800 Kilogramm fliegt die Maschine unter dem Kommando von Leutnant Merril O. Burton nach Deutschland. Ziel sind die Junkerswerke in Dessau, die an diesem Tag schwer getroffen werden. Aber es läuft nicht alles nach Plan. Vermutlich wird der Bomber zwischen Bernburg und Könnern durch deutsche Jäger angegriffen und beschädigt. Das Flugzeug zieht eine lange Rauchfahne hinter sich her, ändert aber die Flugrichtung nicht. Gegen Mittag sieht Fritz Heinrichs, Schwiegersohn des Öbsters Paul Rolle (sen.), das schwer getroffene Flugzeug im Anflug auf Gröbzig. Die Maschine wirft, um sich zu erleichtern, die Bomben im Notwurf ab. Die ersten Bomben fallen in der Nähe des Grundstückes Wehrmann. Die Familien im Haus Wiesenweg 1 flüchten in den massiven Keller. Die letzten Bomben fallen auf die Wiesen rechts der Straße nach Edlau und auf die Straße selbst, nur wenige Meter von den Häusern im Wiesenweg und in der Könnernschen Straße entfernt. Dabei werden Scheiben, Türen und Dächer der Gebäude stark beschädigt.“

Ursula und Karl-Heinz Ecke fahren mit der MZ zu der Stelle an der Straße nach Edlau, wo die Bomben vor nunmehr 70 Jahren niederfielen. Dichtes Gras überwuchert die Stelle, man kann auf dem unebenen Gelände nur vermuten, wie es hier kurz nach dem Einschlag ausgesehen hat. Karl-Heinz Ecke, der sich schon als Junge für Nachrichtentechnik interessierte, hat unter anderem mit dem Mitglied des Bernburger Traditionsvereins „Hugo Junkers“, Dietmar Karopka, Kontakt aufgenommen, der ihm einiges zur Kampfhandlung von damals mitteilen konnte.

Aus einem Gespräch mit dem Augenzeugen Manfred Schreiber, der damals etwa 14 Jahre alt war und sich mit Rektor Hamel gerade auf einem Rübenfeld der damaligen Domäne Werdershausen befand, weiß er, dass die etwa 30 Schulkinder beim Anflug des Bombers eilig mit dem Traktor nach Hause gefahren wurden.

Nur Schreiber und der Rektor blieben. Sie haben den Absturz des Bombers bis zuletzt beobachtet und schilderten später, das Flugzeug habe zuletzt noch seine Zusatztanks abgeworfen und sei schließlich in einem Getreidefeld bei Piethen notgelandet.

Damals habe er nur vier Amerikaner gesehen, die mit dem Fallschirm absprangen, so Schreiber. Einen fünften Fallschirm fand man erst nach der Getreideernte. Das könnte der von Robert Hittel gewesen sein, der sich in Richtung Cösitz durchschlug, wo er im Park Rast machte. „Da muss er eine Strecke von rund sieben Kilometer zu Fuß gemacht haben“, schätzt Karl-Heinz Ecke.

Da sowohl der Absturzort als auch der Name des Kommandanten mit den Angaben übereinstimmen, die die MZ recherchiert hat, ist eine Verwechslung so gut wie ausgeschlossen. Einzig der Typ des Bombers widerspricht sich.

Es war kein „Liberator“ (B-24), mit der der amerikanische Heckschütze Hittel flog, sondern ein B-17, wie er der MZ damals mitteilte. Der Pilot Merril O. Burton überlebte die Katastrophe nicht, er ist im Kampf gefallen, wie ein Protokoll vermerkt, das der Mitteldeutschen Zeitung vorliegt.