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Wolfsangriffe bei Köthen Wolfsangriffe bei Köthen: Vierbeinige Bodyguards beschützen ihre Herde

Von Ute Nicklisch 27.03.2018, 12:14
Swen Keller mit seinen Pyrenäen-Berghunden
Swen Keller mit seinen Pyrenäen-Berghunden Ute Nicklisch

Kühren - Noch vor einem Jahr stand Swen Keller selbst eines Morgens vor einem grausigen Fund auf seiner Rinderweide. Ein Wolf hatte über Nacht mehrere Kälbchen gerissen und eine Mutterkuh zu Tode gehetzt. Keller betreibt auf einer Fläche direkt am Elbdamm bei Aken extensive Weidetierhaltung (die MZ berichtete).

Vorfall brachte Landwirt dazu, sich um wirkungsvollen Herdenschutz zu kümmern

Spätestens nach diesem Vorfall war klar, die Tiere sind nicht mehr sicher. Aufgeben jedoch kam nicht in Frage. Vielmehr war dieser Vorfall Grund genug für den Landwirt, sich um schnellst möglichen und wirkungsvollen Herdenschutz zu kümmern.

Durch den Kontakt zum Wolfskompetenzzentrum in Iden lernte Keller auch den Wolfsexperten Christian Emmerich kennen. Gemeinsam mit einem Hersteller wurde ein spezielles Zaunsystem einwickelt. Keller und seine Herde wurden mit Unterstützung der Naturschutzstiftung WWF zum Pilotprojekt solcher Litzenzäune.

Gelernter Schäfer besorgt zwei Pyrenäen-Berghunde und bildet diese selbst aus

Als Hundekenner und gelernter Schäfer überlegte Keller nicht lange und schaffte sich zudem spezielle Herdenschutzhunde an. In nicht allzu langer Zeit bildete Keller diese stattlichen Pyrenäen-Berghunde für ihre Aufgabe aus.

Seitdem bewachen diese schmucken und schneeweißen Hunde Tag und Nacht wie Bodyguards Kellers Rinderherde. In Harmonie mit den Rindern leben alle zusammen in freier Natur. Dabei sind die Hunde so trainiert, dass diese den Wolf nicht wahllos angreifen, sondern lediglich entsprechende Drohgebärden aussenden. „Mit ihrem Bellen bringen die Hunde den Wolf in eine Situation, mit der er nicht umgehen kann“, erklärt Keller.

Kombination mit elektrischen Zaunsystem ist für den Herdenschutz essentiell

Ohne das elektrische Zaunsystem jedoch würde auch ein entsprechender Schutz durch die Hunde nicht funktionieren, betont Keller. Beides werde inzwischen in der Anschaffung gefördert.

Da das Problem des Wolfsschutzes immer brisanter wird unter den Weidetierhaltern, sind Swen Keller und Christian Emmerich ziemlich gefragte Leute. Beim Umgang mit derartigen Herdenschutzhunden sind viele der Tierhalter hilflos. „Sie vertrauen dem Hund immerhin ihre Existenz an“, macht Keller die Bedeutung dieser Tiere klar.

Eignung für spezielle Aufgaben werden beim Verkauf solcher Hunde oftmals nicht nachgewiesen

Auf zahlreichen Tagungen in ganz Sachsen-Anhalt beraten die beiden Experten über den richtigen Umgang. Zwar würden die zwei Rassen - Pyrenäen-Berghunde und Maremano Abruzzese - in der Anschaffung gefördert, jedoch werde oftmals beim Verkauf solcher Hunde die Eignung für die Aufgabe nicht nachgewiesen.

Schon die Arbeitslinie der Elterntiere sei bei der Anschaffung solcher Welpen sehr wichtig. Und bei allem respekteinflößendem Verhalten gegenüber hungrigen Wölfen werde zudem eine Toleranz gegenüber Menschen an-trainiert.

Hundespezialist bildet derzeit Tiere zu „einer Art Spezialtruppe“ aus

Inzwischen selbst Mitglied der „Gesellschaft zum Schutz des Wolfes“ (GzSdW) bildet Swen Keller derzeit Hunde für diese speziellen Herdenschutzaufgaben aus. „Eine Art Spezialtruppe“, sagt der Hundespezialist. Benötigt ein Weidetierhalter also schnelle Hilfe nach einem Wolfsangriff, dann schickt Keller quasi zum Sofortschutz seine Spezialeinheit vorbei.

Seit kurzem gründete sich zudem in Sachsen-Anhalt eine Interessengemeinschaft aus Nutztierhaltern, die vermehrt von der Gesellschaft zum Schutz des Wolfes gefördert und organisiert wird.

Mit dem Ziel, die Entwicklung der Hunde ab einem möglichst frühen Zeitpunkt zu begleiten, um so sicher zu stellen, dass Halter und Hund zusammen als Team arbeiten können. Mit seinen Erfahrungen als Nutztierhalter und Hundetrainer wurde Keller zum Sprecher dieser Interessengemeinschaft gewählt. (mz)