Ticket für Saarbrücken erspielt
Köthen/MZ. - Und dann gewann er doch einen der ersten Preise des Landeswettbewerbes "Jugend musiziert", der am Sonntag in Dessau-Rosslau stattfand. Mit Stücken von Schönberg, Beethoven, Chopin und Bartok hatte Jan Vorrath die Jury überzeugt - und wird nun einer von denen sein, die das Land Sachsen-Anhalt im Mai beim Bundeswettbewerb in Saarbrücken vertreten.
Und das, obwohl der 15-Jährige in einer eher unmusikalischen Familie aufwuchs. Die Mutter von Beruf Wirtschaftskauffrau, der Vater ein Mann vom Bau, sein sechs Jahre älterer Bruder immerhin interessiert sich fürs Schlagzeug. "Am meisten hat mich musikalisch wohl meine Großmutter beeinflusst", meint Jan. Oma Gertraude hörte viel klassische Musik und brachte ihrem Enkel das Klavierspielen bei.
In der Johann-Sebastian-Bach-Musikschule bekam er dann bis zur vierten Klasse Klavierunterricht, "bis seine Lehrerin ihm eines Tages sagte, dass sie ihm nichts mehr beibringen könne", erinnert sich Mutter Maria Vorrath, die ihren Sohn nie drängte, so viel Ehrgeiz in die Musik zu legen. Auch wäre sie von selbst nie auf die Idee gekommen, Jan für die Aufnahmeprüfung des Musikzweiges am Gymnasium August Hermann Francke, der Latina, in Halle anzumelden.
Doch beim Tag der offenen Tür an der Schule riet ihr eine Lehrerin dazu. Maria Vorrath folgte dem Rat, ihr Sohn bestand die Prüfung - und zog mit nur zehn Jahren ins Internat. Hart war es nicht nur für die Mutter, ihren Sohn so jung aus dem Haus zu geben. "Es war schon sehr früh. Das erste Jahr war nicht leicht", erinnert sich Jan. Doch der Köthener wollte Klavier spielen, wollte mehr mit Musik zu tun haben, wollte Gleichaltrige kennen lernen, die genauso tickten wie er.
Schnell lebte er sich auf der Latina ein und konnte endlich intensiv Musik machen. Seine Mutter war anfangs noch der Ansicht, "dass seine musikalische Ausbildung nur Beiwerk ist". Sie legte großen Wert darauf, dass Jan vernünftige Noten in den anderen Fächern mit nach Hause brachte. Ihr Sohn aber hatte sich längst entschieden, dass das Klavierspielen mehr werden sollte als sein Hobby. Und spätestens nachdem er im August letzten Jahres eine 14-tägige Sommerschule bei Stettin besuchte, war auch sein Klavierlehrer Wolfram Merkel davon überzeugt, dass Jan Vorrath ein anspruchsvolles Klavierstudium meistern könne.
Dass der Köthener nun alle Energien in sein Klavierspiel legt und deshalb in anderen Fächern mittelmäßige Noten schreibt, dafür hat seine Mutter inzwischen Verständnis. Jan sagt dazu: "Beides geht nicht. Irgendwann muss man sich entscheiden, wo man den Schwerpunkt legen will." Und ein wenig graut ihm schon vor der Zeit, wenn er neben Schule, Hausaufgaben und den täglich zwei Stunden Klavierüben noch den Führerschein und das Abitur bestehen will. Doch die Weichen in Richtung Berufsmusiker sind längst gestellt und fordern ihren Tribut.
Mutter Maria muss ihren Sohn manchmal bremsen. "Es ist unglaublich, was er für einen Stress hat", sagt sie und erzählt, dass sie es nach wie vor gewöhnungsbedürftig findet, dass ihr 15-Jähriger bereits eine Fliege und drei Anzüge für seine Auftritte besitzt, die auch noch regelmäßig neu gekauft werden müssen. Der Pianist wächst schließlich noch.
Jan Vorrath ist sich noch nicht sicher, ob er später Klavier oder doch besser Musical studieren möchte. Denn neben klassischer Musik ist er auch absoluter Fan von Bühnenstücken wie dem "Tanz der Vampire". Bei den Aufnahmeprüfungen zum Klavierstudium an so namhaften Musikhochschulen wie Leipzig, Hamburg oder Berlin will er aber auf jeden Fall antreten.
Er kann sich vorstellen später als Korrepetitor zu arbeiten, also statt des Orchesters die Sänger am Klavier zu begleiten, wenn diese für ein neues Stück proben. Insgeheim träumt er aber auch davon, einmal einer der wenigen gefragten Pianisten zu werden. Zu laut sagt er das aber lieber nicht. Denn Jan weiß: Der Weg dahin ist schwierig, und die Konkurrenz gewaltig.
Erleben wird er das auch wieder beim Bundeswettbewerb. Gegen zirka 20 Altersgenossen, die Besten Deutschlands, wird der Köthener dann antreten. "Das ist gnadenlos. Da darf man sich nichts erlauben", sagt er. In der akuten Zeit, kurz vor dem Wettbewerb, wird Jan mindestens fünf Stunden täglich üben.
Mutter Maria ist schon jetzt aufgeregt, wenn sie an den Wettbewerb denkt. Aber sie weiß inzwischen aus Erfahrung, dass Jan das packen wird. "Er ist eine richtige Rampensau, setzt sich einfach ans Klavier und spielt los", erzählt sie.
Ihr Sohn hat sein eigenes Geheimrezept, mit dem Druck eines Wettbewerbs fertig zu werden: "Wenn ich am Flügel sitze, gelingt es mir immer besser, nur noch an die Musik zu denken, nicht mehr an die Jury." Sein Ziel? "Ich möchte auf jeden Fall unter den Preisträgern sein", sagt der Köthener.
Ein Vorbild hat Jan Vorrath übrigens nicht. "Es ist wichtig, dass man beim Spielen seinen eigenen Stil findet und nicht versucht, jemanden zu kopieren", betont er.