Köthen Köthen: Erstdrucke wechseln den Besitzer
KÖTHEN/MZ. - Dieser Zyklus beinhaltet die sechs Werke für die unbegleitete Violine (BWV 1001 - 1006), der "Sei Solo á Violino senza Basso accompagnato". Diese Werke hat Johann Sebastian Bach im Jahr 1720 in Köthen komponiert. Zweites Exponat ist die erste, für den praktischen Gebrauch eingerichtete Ausgabe dieser sechs Werke, die der Leipziger Violinist und Gewandhaus-Konzertmeister Ferdinand David im Jahr 1843 besorgt hat. Und schließlich konnte auch die Musikinstrumentensammlung der Bach-Gedenkstätte um ein weiteres Ausstellungsstück ergänzt werden. Es ist eine Violine in barocker Mensur mit dem dazugehörigen Violinbogen. Das Instrument stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Diese drei neuen Schätze sind Prof. Dr. Helga Thoene zu verdanken. Die Musikwissenschaftlerin aus Düsseldorf schenkte die Exponate aus ihrem privaten Besitz der Bach-Gedenkstätte. Und es war nicht ihre erste Schenkung. In den vergangenen Jahren war sie mehrfach in Köthen, und sie kam fast nie mit leeren Händen. So stammen beispielsweise fünf historische Musikinstrumente aus ihrem Besitz, darunter ein Spinett und ein Clavichord.
Entsprechend herzlich war der Empfang, der Prof. Helga Thoene in der Schlosskapelle während der Übergabe der Exponate bereitet wurde. "Ihre Schenkungen sind immer uneigennützig", sagte Eckhard-Bodo Elze, Kulturamtsleiter bei der Kreisverwaltung. Die zwei Bedingungen, die die Musikwissenschaftlerin daran knüpft, sah Elze in Köthen erfüllt: Die Ausstellungsstücke sollen einen würdigen Platz erhalten, und sie sollen für die Öffentlichkeit zugänglich sein. "Wir sind sehr dankbar, dass sie sich dafür die Bach-Gedenkstätte ausgesucht haben", äußerte der Kulturamtsleiter. Mit den beiden Frühdrucken komme die Bach-Gedenkstätte in den Besitz "zweier wesentlicher Werke".
"Ihre großherzigen Schenkungen unterstützen seit Jahren die Arbeit der Bach-Gedenkstätte", äußerte Alexander Frolow, der stellvertretende Oberbürgermeister. "Kultur lebt von Mäzenen", bemerkte Michael Schuster, Geschäftsführer der Köthen Kultur und Marketing (KKM) GmbH. Das sei gerade in einer Zeit, wo im politischen Sprachgebrauch die Kultur immer als freiwillige Aufgabe bezeichnet werde, besonders wichtig. "Wir sollten es als leuchtendes Beispiel nach außen tragen und andere auffordern, es gleich zu tun", befand Schuster.
1991, blickte Prof. Thoene zurück, sei sie zum ersten Mal nach Köthen gekommen. "Ich wollte endlich einmal den Wirkungsort von Bach kennen lernen, wo sein Werkzyklus für die unbegleitete Violine entstanden ist", sagte die Musikwissenschaftlerin. Seither war sie oft in Köthen. Sie erinnere sich besonders gern an die Einweihungsfeier der Schlosskapelle, zu der sie vom damaligen Museumsleiter Günther Hoppe eingeladen worden sei. Ebenso in Erinnerung habe sie auch die bewegende Trauerfeier für Hoppe im Januar 2005. Dass sich sein Todestag kürzlich zum fünften Mal jährte, sei für sie der Anlass für die jetzige Schenkung gewesen. "Ich sage es im Sinne des großen Historikers Günther Hoppe: Wir müssen die Dinge retten. Deshalb übergebe ich heute gern diese Schenkung", sagte Prof. Helga Thoene.
Zuvor ging sie in ihrem Vortrag auf den aus jeweils drei Sonaten und Partiten bestehenden Werkzyklus ein und schilderte die Odyssee dieses Autographen, dessen Original im Jahr 1917 von der königlich-preußischen Bücherei in Berlin erworben wurde. Den aus dem Jahr 1802 stammenden Erstdruck entdeckte Prof. Thoene im Jahr 2002 in einem Stuttgarter Antiquariat.
Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz an der Zuberbier-Orgel und Sängerin Manuela Schütte umrahmten den feierlichen Akt der Schenkung musikalisch. Zudem ließ Prof. Thoene bei ihrem Vortrag ein Stück aus den Werken für die unbegleitete Violine als Hörbeispiel einspielen. Dabei schlugen die Tücken der Technik zu, der CD-Spieler begann zu springen und musste ausgeschaltet werden. Christian Ratzel, Fachbereichsleiter Museen bei der KKM, ärgerte sich darüber schon ein wenig, fand aber eine charmante Entschuldigung, als er sagte, dass es eben doch von Vorteil sei, wenn Menschen aus Fleisch und Blut musizieren und man nicht so sehr auf die Technik bauen sollte. Was Martina Apitz so nicht gelten lassen wollte. "Bei der Orgel kann auch mal Stromausfall sein", bemerkte sie und sorgte damit für einen heiteren Ausklang der Matinee.