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Köthen Köthen: Erinnerungen an Lebensmittelgeschäfte in der Magdeburger Straße

Von Ute Hartling-Lieblang 09.10.2013, 19:38
Juni 1993: Baubeginn für die Dresdner Bank, die ehemaligen Häuser fielen einem Brand zum Opfer.
Juni 1993: Baubeginn für die Dresdner Bank, die ehemaligen Häuser fielen einem Brand zum Opfer. Elze Lizenz

Köthen/MZ - Bis zu ihrem 16. Geburtstag waren es immer nur kurze Besuche bei den Verwandten, die Ingeborg Elze (geborene Joite) nach Köthen führten. Ihre Tante und ihr Onkel betrieben in der Kurzen Straße/Ecke Dessauer Straße die Bäckerei Leschner. Die Familie hatte zwei Söhne. Und so kam es, dass Cousine Ingeborg 1947 bei der Hochzeit von Cousin Herbert als Tischdame eingeladen wurde und dort ihren späteren Ehemann Robert Elze kennenlernte. Klar, dass die Besuche in Köthen von nun an häufiger wurden.

„Ich bin keine Ur-Köthenerin, sondern wurde 1931 in Haldensleben geboren“, blickt die heute 82-Jährige zurück. Dort ist sie zur Schule gegangen und hat 1950 ihr Abitur gemacht. „Entweder bezahle ich dir dein Studium oder du bekommst eine Aussteuer“ - von ihrem Vater vor diese Wahl gestellt, entschied sich die damals 18-Jährige für die Aussteuer. Das handgefertigte Eiche-Schlafzimmer, das zur Aussteuer gehörte, besitzt Ingeborg Elze noch heute.

Kurz nach der Hochzeit mit ihrem Robert, im Mai 1953, ist sie dann endgültig nach Köthen gezogen. Das Kinderzimmer ihres Mannes war die erste gemeinsame „Wohnung“. Nur wenige Monate später, im Oktober 1953, übernahmen Ingeborg und Robert Elze das Lebensmittelgeschäft in der Magdeburger Straße 1, das sie bis 1992 gemeinsam führten. Robert Elze war bei Renger, seinem Vorgänger, in die Lehre gegangen. Der bot ihm, als er selbst in den Westen ging, an, das Geschäft zu übernehmen. Ingeborg Elze hatte sich nach dem Abitur zur Buchhalterin qualifiziert und war ihrem Mann damit eine große Hilfe.

Der Zuzug nach Köthen und der damit verbundene Anspruch auf eine Wohnung war ihr zwar vom Wohnungsamt der Stadt verwehrt worden, aber es ergab sich, dass das junge Paar die Erlaubnis erhielt, sich eine baufällige Wohnung über dem Café Ließ, mit Trocken-Klo auf dem Hinterhof, eigenhändig zu reparieren. Beheizt wurde die Bleibe nur durch einen transportablen Kachelofen. Noch gut kann sich Ingeborg Elze an den eiskalten Winter 1956 erinnern, als ihr Sohn Rainer geboren wurde. „Da waren die Fensterscheiben im Köthener Krankenhaus gefroren“, erzählt sie, und in der kleinen Wohnung war es bei der Rückkehr aus dem Krankenhaus bitterkalt.

Wer wie Ingeborg und Robert Elze den Anspruch hatte, die Kunden im eigenen Lebensmittelgeschäft stets zufriedenzustellen, hatte es in der DDR-Mangelwirtschaft nicht leicht. Zuerst waren es die Lebensmittelmarken, mit denen sie klarkommen mussten. Die Butter wurde in 25-Kilogramm-Blocks angeliefert und muste zu Päckchen von je 300 Gramm in Pergamentpapier gewickelt werden. Ersatzweise gab es in den beiden restlichen Dekaden nur Margarine oder Fett, nennt sie ein Beispiel. Die Belieferung der privaten Händler war sehr dürftig. „Es gab nur das Lebensnotwendige, Kaffee, Kakao oder Schokolade fehlten anfangs ganz im Angebot“, schildert Frau Elze.

Konkurrenz: Konsum und HO

Als 1958 die Lebensmittelmarken in der DDR wegfielen, gaben viele kleine Kaufleute ihre Läden zugunsten von Konsum oder HO auf. „Das wollten wir aber nicht“, sagt die Köthenerin. Dafür musste man damit leben, dass für Private vieles aus dem Bestellkatalog beim Großhandel in Klepzig gestrichen wurde, was zum Beispiel HO-Läden führen durften.

Zum Glück habe es da aber noch die vielen kleinen privaten Erzeuger in der Umgebung von Köthen gegeben. Den Bäcker in Bernburg, der zu Weihnachten reichlich Marzipankartoffel lieferte, der Moster in Zörbig, der ihnen Stiegen voller Apfelsaft, Kirsch- und Johannisbeermost brachte, mit denen man über so manch heißen Sommer kam, oder die Eieraufkaufstelle in Edderitz, von der man frische Eier holen konnte.

Not macht erfinderisch. Dieser Leitspruch hat die Elzes wohl über viele Jahre begleitet, in denen sie sich in Köthen einen festen Kundenstamm aufbauten. Da wurde auch so manche Flasche Hochprozentiger gegen eine kleine Reparaturleistung in der sanierungsbedürftigen Wohnung getauscht. Auch für die Schüler der Marktschule (heute Naumannschule) war der kleine Laden an der Magdeburger Straße ein beliebter Anlaufpunkt. Noch heute treffe sie in der Stadt manchmal Leute, die mit ihr über die alten Zeiten plaudern und sich zum Beispiel erinnern, dass sie bei den Elzes immer „Negerküsse und Schmätzchen“ gekauft haben. Neben den Elzes gab es in der Magdeburger Straße damals einen Uhrmacher, den Laden von Elektro-Richter, den Briefmarkenhändler Kraze, die Gaststätte Heidenreich, die Reinigung Loos, Tapeten-Bunz, den Fleischer Friedrich, Lumpen-Pick, das Rundfunkgeschäft Fisser, die Drogerie Freyer und viele andere. Rund 20 Geschäfte kann Ingeborg Elze heute noch aus dem Stegreif aufzählen. Und sie erinnert sich noch gut, dass die Häuser in der Magdeburger Straße 54/55 in den 80er Jahren abgebrannt sind. Dort steht heute die Commerzbank.

Mit der politischen Wende im Jahr 1989 mussten sich auch die Kaufleute Elze noch einmal neu orientieren. Als Anfang 1900 langsam die ersten Westmark unter die Leute kamen, wuchs auch der Wunsch, dafür Waren aus dem Westen zu erwerben, erinnert sich Ingeborg Elze. Also habe man sich erkundigt und sei mit dem Trabi nach Braunschweig in die Metro gefahren, um dort einzukaufen, schildert sie. Irgendwann wollte dann keiner mehr die Ostprodukte kaufen. Um sie loszuwerden, haben die Elzes ihren Kunden Rabatte eingeräumt.

„Ich bin froh, dass wir die Wende noch erleben durften“, sagt die 82-Jährige rückblickend und denkt dabei vor allem auch an die vielen schönen Reisen, die sie im Rentenalter noch machen konnte.

Sohn wird Oberbürgermeister

Mit großem Interesse hat sie damals auch den Aufstieg des ältesten ihrer beiden Söhne, Rainer Elze, zum Köthener Oberbürgermeister verfolgt. Die Zeit, in der er das Neue Forum in Köthen mitgegründet hat, sei für ihn nicht ungefährlich gewesen. Heimlich habe auch sie im Laden damals Unterschriften dafür gesammelt, die DDR zu reformieren. Später, als ihr Sohn in die SPD eintrat, folgte sie seinem Beispiel. Noch heute ist Ingeborg Elze sehr stolz auf ihren Ältesten.

„Ich werde von meinen Kindern sehr unterstützt“, sagt die 82-Jährige, die inzwischen vier Enkelkinder hat. „Sie sorgen auch dafür, dass das Haus in der Magdeburger Straße 1, das die Elzes nach der Wende vom Altbesitzer kaufen konnten, ein „Schmuckkästchen“ bleibt. Hier war sie im Sommer 1956 mit ihrem Mann Robert zunächst zur Miete eingezogen.

Als die Elzes ihr Geschäft 1992 geschlossen haben, ging in Köthen die Ära der Tante-Emma-Läden aus DDR-Zeiten zu Ende. Nacheinander eröffneten in der Magdeburger Straße 1 noch ein Fahrradladen und ein Blumengeschäft. Heute hat hier eine Versicherung ihren Sitz. Ingeborg Elze verbringt in dem Haus mit der bewegten Geschichte ihren Lebensabend und ist zufrieden.

Ingeborg Elze erinnert sich.
Ingeborg Elze erinnert sich.
Ute Nicklisch Lizenz
Blick in die alte Magdeburger Straße. In der Nr. 1 befand sich der Lebensmittelladen der Familie Elze.
Blick in die alte Magdeburger Straße. In der Nr. 1 befand sich der Lebensmittelladen der Familie Elze.
Nicklisch/Repro Lizenz