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Karneval in Köthen Karneval in Köthen: Die Zugführer des KuKaKö

Von Sylke Hermann 08.02.2015, 10:59
Eckhard-Bodo Elze, Vizepräsident des Köthener Karnevalvereins, schwingt Rosenmontag in gewohnter Manier das Zepter. Doch diesmal hat der Zugführer Unterstützung - und damit einen Erben.
Eckhard-Bodo Elze, Vizepräsident des Köthener Karnevalvereins, schwingt Rosenmontag in gewohnter Manier das Zepter. Doch diesmal hat der Zugführer Unterstützung - und damit einen Erben. Andreas Stedtler Lizenz

Köthen - Poststraße, Ecke Friedrichstraße. Eckhard-Bodo Elze hasst dieses Nadelöhr. Schuld ist die Laterne an der Ecke. Dort, wo im Jahr zuvor, bevor die Stadt die Straße sanierte, ein Straßenschild stand, das man einfach abbauen konnte, um den Karnevalisten beim Rosenmontagszug freie Fahrt zu gewähren. Die Laterne steht da - unverrückbar. Eine logistische Herausforderung für den routinierten Zugleiter: Elze schreitet die Wartenden in der Zugaufstellung ab; jeder einzelne muss ein Stück zurück setzen. Meter für Meter. In der Theaterstraße wird es immer enger. Aber es geht nicht anders. Sonst würde der Elferratswagen des Kukakö an der Spitze passen müssen. Noch bevor der Zug so richtig rollt. „Ich wusste, wir kriegen das hin“, sagt der weißhaarige Mann von 64 Jahren heute - ein Jahr danach.

Nachfolger namens Haase

Nun will Elze nicht länger Zugleiter sein. „Nach 20 Jahren“, findet er, „hat man zwar die Erfahrung, einen Rosenmontagszug zu organisieren, aber es besteht auch die Gefahr, dass die Routine das Zepter schwingt.“ Das will er nicht. Also muss ein Nachfolger her.

„Hallo, mein Name ist Haase.“ Das ist er also. Elzes Erbe. Der Neue. Ein Scherzkeks. „Ich heiße so“, klärt er leise triumphierend mit perfekter Unschuldsmiene auf. Trotzdem wartet man automatisch auf: „Ich weiß von nichts . . .“

Herbert Haase zog sich 2009 nach elf Jahren als Elferrat bei der 1. Köthener Karnevalsgesellschaft Kukakö 1954 etwas zurück, wie er sagt. Um als Zugleiter in spé jetzt wieder mehr oder weniger ins Rampenlicht zu treten. „Ich habe die Anfänge des Vereins miterlebt. Karneval in Köthen ist viel mehr als zu beobachten, wie nett kostümierte Menschen durch die Straßen ziehen. Das ist unsere Chance, Köthen in die Welt zu tragen.“ Haase, der in Weimar Stadtplanung und Architektur studiert hat, will mithelfen, damit das gelingt.

Wenn Köthen also am 16. Februar wieder antritt, Karnevalshochburg des Landes zu werden, bilden Elze und Haase ein Team. Während sich der Routinier in Gelassenheit übt, bleibt der Erbe betont neugierig. Er will wissen, wie das geht. Wie man ein guter Zugleiter wird. Wie man dieses Riesen-Projekt stemmt. Dass er seit Wochen nicht sonderlich gut schläft - eine Randnotiz: „Das ist schon eine extrem große Herausforderung.“

In welchem Jahr Elze seinen ersten Umzug allein dirigierte und wie der Köthener Karneval eigentlich funktioniert, lesen Sie auf Seite 2.

Seit 21 Jahren ist Elze, der ehemalige Kulturamtsleiter in Anhalt-Bitterfeld, Zugleiter beim Kukakö. Die Einheimischen haben es nicht so gern, wenn man sie erinnert, was hinter den Buchstaben steht: Kuh-Kaff Köthen. Elze nimmt’s mit Humor und erzählt weiter. Nur ein einziges Mal fiel er krank aus und konnte die imposante Karawane der Karnevalisten, die sich am Bahnhof in Bewegung setzt, um nach zwei, manchmal drei Stunden am Marktplatz der Bachstadt anzukommen, ausnahmsweise nicht dirigieren. „1994 war mein erster Umzug, den ich allein gemacht habe. Damals brauchten wir noch keine Ordner, kein Sicherheitspersonal.“ Nicht bei 37 überschaubaren Bildern. „Heute sind wir im Schnitt 140“, sagt Elze, der einmal Maschinenbau studiert hat, gleichzeitig Verwaltungsfachwirt und Kulturwissenschaftler ist.

Wie funktioniert der Köthener Karneval?

140 Bilder? Haase würde der Zahl gern den Schrecken nehmen, scheitert aber. Nach all den Wochen an Elzes Seite weiß er einfach schon zu viel und hätte trotzdem gern ein Lehrbuch: Wie funktioniert der Köthener Karneval?

Da stünde sicher drin: Einladungen verschicken. „186 Briefe“, schimpft Haase. „Auf Mails reagiert ja kein Mensch.“ Telefonieren funktioniert zwar, ist aber zeitaufwendig. Elze kennt das alles, „aber ich doch nicht“, setzt Haase einigermaßen frustriert nach. „Wenn die Leute nicht reagieren, obwohl es an der Zeit wäre, muss man nachhaken“, weiß Elze. Und manchmal einfach warten: „Niegripp zum Beispiel, die kommen immer, melden sich aber nie an.“ Jedenfalls nicht rechtzeitig.

Um einen stimmigen, einen stimmungsvollen Rosenmontagszug auf die Beine zu stellen, das „Bilderbauen“ also, braucht es weit mehr als ein ausgeklügeltes Einladungsmanagement: „Ein vernünftiges Rhythmusgefühl, Sinn für Farben, Optik und Ästhetik“, findet der 57-jährige Haase. „Eine Kapelle mit Livemusik“, erklärt Elze, „kann nicht hinter einem Prunkwagen mit Stimmungsmusik laufen.“

Die gute Mischung sei das Geheimnis. „Deshalb bin ich ja so nervös“, gesteht der langjährige Elferrat. Er will dieses Geheimnis lüften. „Ich kann das nicht erklären“, zuckt Elze, der 1968 erstmals singenderweise auf einer Karnevalsbühne stand und danach in Magdeburg richtig mit dem „Bazillus Karneval“ geimpft wurde, schuldbewusst mit den Schultern. Er macht einfach, schiebt Festwagen - je nachdem, ob sie mit Beschallung fahren oder ohne - Laufgruppen, Kutschen, Pferde, Cabrios, Kapellen gedanklich - und später auf Papier - von A nach B. Er ist der Mann mit Überblick. Füllt Excel-Tabellen mit allem, was man wissen muss: über die Vereine, Teilnehmer, Sonderwünsche. „Man muss die Leute im Notfall erreichen können“, weiß der Kukakö-Vizepräsident, was am Tag der Tage wichtig ist. Für den Fall, dass jemand fehlen sollte, zu spät kommt oder aus der falschen Himmelsrichtung.

Kein Platz zum Rangieren

Elze und Haase wissen, dass so etwas zum Chaos führen könnte. Um den vorab zugewiesenen Platz in der Aufstellordnung zu erreichen, muss jeder exakt so fahren, wie vom Zugleiter angewiesen, beschrieben und skizziert. Die Köthener Straßen seien einfach nicht so breit, dass man beliebig rangieren könne, erinnert Elze an die unverrückbaren Rahmenbedingungen. Sofort drängt sich die Laterne am Nadelöhr Poststraße/Friedrichstraße wieder ins Gedächtnis. „Das Ganze ist schon eine Wissenschaft für sich“, kommentiert Haase.

Die ersten Rosenmontagszüge ließen längst nicht die Perfektion von heute erkennen: „Da haben wir sie so aufgestellt, wie sie sich angemeldet haben. Aber das geht nicht“, hat Elze einsehen müssen. „Dann marschieren plötzlich drei rot-weiße Gruppe hintereinander.“ Nach drei Versuchen nahm der Zugleiter wieder Abstand und stellte fortan mit System auf.

Warum auch der Faktor "Gerechtigkeit" eine große Rolle spielt, lesen Sie auf Seite 3.

Also Rhythmus, Farben, Optik, Ästhetik - all das braucht so ein Umzug, wenn er beim närrischen Volk ankommen soll. Außerdem verweist der Chef auf den Faktor Gerechtigkeit. Köthen habe viele Stammgäste, die gern auch ihren Stammplatz hätten, „am liebsten so weit vorn wie möglich“. Doch Elze kann nicht alle Wünsche erfüllen. Außerdem müsse er „die Neuen anfüttern und die Weitgereisten bei Laune halten“. Von den Wassensdorfern (Oebisfelde-Weferlingen) zum Beispiel weiß er, dass die spätestens um fünf in der Früh losfahren; Erkner (Landkreis Oder-Spree) oder Süplingen (Haldensleben) nicht viel später. Und diejenigen, die beim OB-Empfang dabei sind, werden nicht erst um 11.11 Uhr erwartet, sondern um acht. Details, die wichtig sind. „Aber man darf sich auch nicht in Details verlieren“, warnt Elze. „Nicht den Überblick verlieren.“ Das ist sein Tipp. Anmeldeliste, Einfahrtskizze, Aufstellplan – alles muss stimmen, sonst stimmt Rosenmontag nichts.

Elze ist überzeugt, dass dieses Jahr am 16. Februar wieder ein prächtiger, ein farbenfroher und fröhlicher Zug der Karnevalisten durch die Bachstadt ziehen wird. Die Laterne in der Poststraße/Ecke Friedrichstraße hat er im Hinterkopf – und lässt den Zug vorsorglich ein paar Meter weiter vorn Aufstellung nehmen. Sonstige Pannen sind nicht „eingeplant“. Wie etwa der explodierende Traktor . . . Elze: „Plötzlich war alles schwarz. Keiner hat mehr was gesehen.“ „Und?“, hakt Haase nach. „Nichts, und“, erwidert Elze auffällig gelassen. „Der Qualm ist verzogen. Keine Ahnung, was los war.“ Doch diese eine Sache, die treibt ihn trotz aller Routine um: „Wenn auf der Überholspur ein Fahrzeug liegen bleiben würde.“ Dort, wo die Nummer 1 des Zuges sich an denen vorbei zirkelt, die sich später einreihen. „Auf die Idee“, gesteht Herbert Haase, „bin ich noch gar nicht gekommen.“ „Bleib ruhig“, tröstet Elze. Die Abschleppkolonne für Rosenmontag ist längst reserviert. (mz)

Gewappnet für den Rosenmontagszug: Herbert Haase
Gewappnet für den Rosenmontagszug: Herbert Haase
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