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Anhalt-Bitterfeld Anhalt-Bitterfeld: Mit Fäusten und Springerstiefeln

Von Claus Blumstengel 31.01.2012, 19:33

Köthen/MZ. - Der Angeklagte wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Mit seinem kurzen blonden Haar, dem leichten Bauchansatz und geschätzten 85 Kilogramm wirkte er wie Anfang bis Mitte 20, keinesfalls 18-jährig, wie das seine Gerichtsakte ausweist. Stellt man sich dazu noch Bomberjacke und Springerstiefel vor, in denen Paul K. (Name geändert) vor seiner Verhaftung im November 2011 unterwegs war, kann man sich die Angst gut vorstellen, die die Opfer des stämmigen jungen Mannes hatten, darunter chinesische Studenten der Hochschule Anhalt.

Voller Hass und Aggressivität

Am Dienstag wurde Paul K. vom Jugendschöffengericht in Köthen unter Vorsitz von Richterin Sabine Alvermann zu drei Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Sechsfache Körperverletzung, zum Teil unter Einsatz von Waffen, versuchte Erpressung, mehrfache Nötigung, Raub und das Zeigen von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen lauteten einige der Anklagepunkte von Staatsanwältin Heike Kropf.

Das größte Aufsehen hatte K. erregt, als er am 11. November vorigen Jahres alkoholisiert und von Hass und Aggressivität erfüllt durch die Köthener Innenstadt zog. Gegen Mittag begegnete ihm in der Fasanerieallee ein chinesischer Student. Den trat K. grundlos mit seinem Stiefel und würgte ihn anschließend. "Extremen Ausländerhass" gab Paul K., der alle Taten gestand, vor Gericht als Motiv an. Das Opfer trug einen Schock davon. Der schmächtige Mann habe heute noch Angst, wenn er in Köthen unterwegs ist, hatte der Sprecher der chinesischen Studentenschaft gegenüber der MZ geäußert.

Paul K. machte sich über derartige Folgen keine Gedanken. Er sei zu Empathie, zu Mitgefühl, kaum in der Lage, schilderte die psychiatrische Gutachterin vom Fachkrankenhaus Bernburg. Die Gutachterin schloss außerdem eine verminderte Schuldfähigkeit wegen Alkoholgenusses sowie Alkoholsucht aus, bescheinigte dem Angeklagten aber eine "dissoziale Persönlichkeitsstörung".

Eine Stunde nachdem er von dem Studenten abgelassen hatte, versuchte K. in der Museumsgasse einen 14-jährigen Jungen vom Fahrrad zu stoßen. Am Nachmittag desselben Tages griff er im NP-Markt in der Wallstraße einen weiteren chinesischen Studenten an den Hals, hielt ihm Pfefferspray vors Gesicht und forderte zehn Euro. Dem flüchtenden Studenten versetzte er noch im Markt einen Faustschlag auf den Hinterkopf. Als Marktleiter Olaf Meier den Täter zur Rede stellte, schlug ihm dieser die Brille herunter und besprühte ihn mit Pfefferspray (die MZ berichtete). Kurze Zeit später wurde Paul K. unweit des Tatortes verhaftet.

Die Gewaltausbrüche jenes Novembertages waren nur das Ende einer Kette von Übergriffen, bei denen der damals in Gröbzig wohnende junge Mann keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung machte. "Ich steche dich ab", sagte er am 27. Mai abends in der Kiesgrube in Wörbzig zu einem Mann, der dort zeltete, und verfolgte ihn mit einem Butterfly-Messer. Einem Zeugen, der die Polizei verständigte, zeigte er den Hitlergruß. "Du erlebst deine Rente nicht", musste sich nach K.s Festnahme an jenem Tag ein Beamter auf dem Köthener Polizeirevier anhören. Am 8. Juni hielt K. in der Gröbziger Jahnstraße wahllos Autos an, zeigte wieder den Hitlergruß und beschimpfte eine Fahrerin. Als er im Gröbziger Netto-Markt dann ein auf seinen Arm tätowiertes Hakenkreuz zur Schau stellte, riefen Kunden die Polizei. "Ich laufe doch im Sommer nicht im Pullover rum", lautete sein Kommentar zu dieser Straftat.

Einen Stoß mit dem Kopf ins Gesicht und Tritte mit Springerstiefeln, selbst nachdem sein Opfer zu Boden gegangen war, hatte K. auch einem jungen Mann aus Gröbzig versetzt. Der Grund laut Paul K.: Der habe den gleichen Nachnamen gehabt wie jemand, mit dem er im Clinch lag.

Besserung gelobt

In den 80 Tagen Untersuchungshaft habe er sich gebessert, wolle ein Anti-Gewalt-Training machen und nicht mehr in Bomberjacke und Springerstiefeln herumlaufen, versicherte K. während der Verhandlung im Köthener Amtsgericht. "Das ist doch nur das Äußere", entgegnete Staatsanwältin Kropf, die in ihrem Plädoyer dreieinhalb Jahre Jugendstrafe forderte. Die meisten Opfer seien auch keine Ausländer, sondern einfach schwächer als er gewesen, hätten anders ausgesehen, eine andere Meinung gehabt oder sich ihm in den Weg gestellt, so die Staatsanwältin. K. habe sein rechtes Gedankengut sehr lange ausgelebt. Dabei sei er intelligent genug zu erkennen, "dass das hier nicht gut ankommt", äußerte die Staatsanwältin, die dem Angeklagten "schädliche Neigungen" bescheinigte.

Laut Vertreter der Jugendgerichtshilfe kam Paul K. nach der Trennung der Eltern seit dem Alter von vier Jahren in verschiedene Heime. Schon als Grundschüler sei er wegen seiner Aggressivität aufgefallen und aus zwei Sportvereinen geflogen. Mit elf kam er in die rechte Szene und schon als Schüler wegen Alkoholmissbrauchs acht Monate in die Psychiatrie. Eine Lehre als Viehwirt ließ er bald sausen, weil er wegen eines Nebenjobs in einer Bernburger Disko oft zu spät kam.

Bewährungshelfer wichtig

K.s Anwalt Volker Neumann verwies auf die ehrliche Bereitschaft seines Mandanten, sich zu bessern, was auch Staatsanwältin Kropf nicht in Abrede stellte, und beantragte drei Jahre Jugendstrafe.

"Ich hätte Angst, Sie jetzt auf die Straße zu lassen", sagte Richterin Alvermann nach dem Urteil. Wichtig sei, dass Paul K. nach der Haft einen Bewährungshelfer bekommt; denn er sei immer dann straffällig geworden, wenn die Kontrolle wegfiel. Der Angeklagte verzichtete auf Rechtsmittel. Das Urteil - drei Jahre Jugendstrafe - ist damit rechtskräftig.