Gedenkstein in Prettin Gedenkstein in Prettin: Erna Schmoldt will an die Opfer der Vertreibung erinnern

Prettin/MZ. - Nicht jeden Tag, nicht jede Woche, aber immer wenn es ihr danach zumute ist, lenkt Erna Schmoldt ihre Schritte zum Prettiner Friedhof. Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es dort eine Stele aus Sandstein. Sie ist das Ziel des kleinen Spaziergangs der 85-jährigen Dame.Hier bleibt sie stehen, betrachtet den Stein und den Blumenschmuck, der dort hinterlassen wird. Manchmal legt sie selbst eine Blüte, einen Zweig nieder. Immer aber streicht sie mit ihrer Hand sanft über den hellen Stein mit seiner dunklen Inschrift. Kein Name ist darauf zu lesen. Doch könnten Tausende, Hunderttausende, ja Millionen Namen eingraviert sein. Für sie alle steht geschrieben: „Zum Gedenken der Opfer von Gewalt, Flucht und Vertreibung infolge des 2. Weltkrieges. Den Lebenden zur Mahnung.“
Gleichgesinnte gefunden
Die Ruhe, die sie hier spürt, hat Erna Schmoldt mehr als 60 Jahre lang gesucht und nirgendwo sonst gefunden. Weil eine solche Sehnsucht danach in ihr war, hat sie sich selbst – schon über 80-jährig – eines Tages auf den Weg gemacht, um diesen Ort zu schaffen. Sie fand dabei eine Gruppe von Mitstreitern, die ihr Schicksal teilen, oder deren Eltern und Angehörige dieses erlebt haben: nach Kriegsende vertrieben worden zu sein aus der Heimat, die in West- und Ostpreußen, in Schlesien oder im Sudetenland ist. Es sind unter anderem Renate Thoß, Erika Wachsmuth, Doris Rummert, Helene Schenk, Siglinde Krause und Friedhofsmitarbeiter Horst Rehahn. Auch Erhard Michel war dabei. Er starb im beruhigenden Wissen, dass der Gedenkstein Realität wird. Am Tage vor der Einweihung wurde Michel zu Grabe getragen.
Erna Schmoldt hatte diesen Menschen vor etwa vier Jahren von einem Besuch in ihrer Geburtsstadt Köslin, heute Koszalin, an der polnischen Ostseeküste erzählt. Dort wurde bereits im Jahr 2002 ein Lapidarium errichtet – in Gedenken an verstorbene Kösliner – darunter auch an die der ehemaligen deutschen Bevölkerung. Von dieser Geste der Versöhnung war Erna Schmoldt so berührt, dass sie sich auch in Prettin einen solchen Ort der Erinnerung wünschte. Hinzu kommt, dass die Ruhestätte ihrer Eltern auf dem Friedhof der Elbestadt mittlerweile eingeebnet ist.
Rückblende: 1927 kam Erna Schmoldt in Todenhagen, Kreis Köslin, zur Welt, erlebte im Haus ihrer Familie eine glückliche Kindheit und Schulzeit. Die Jahre ihrer Jugend endeten, als im Februar 1945 die russische Front näher rückte und immer öfter von Gräueltaten der Soldaten gegenüber der deutschen Bevölkerung zu hören war. Im Frühjahr 1945 musste die Familie gemeinsam mit vielen Nachbarn das Dorf verlassen und erlebte in mehreren Orten und Lagern in Pommern – immer in Angst vor der Willkür der Russen und der neuen polnischen Machthaber – „schreckliche Nachkriegsjahre“, wie Erna Schmoldt in ihren Erinnerungen schreibt.
Ausreise im Viehwagen
1948 – sie wurde gerade 21 Jahre alt – durften ihre Eltern gemeinsam mit ihr und ihrer Nichte Erika Schmoldt (jetzt Wachsmuth) nach Deutschland ausreisen – im Viehwagen. Die Fahrt dauerte etwa drei Tage. „Wir waren stolz, weil wir endlich durch Deutschland fuhren, doch dann spürten wir überall das Misstrauen der Bevölkerung“, berichtet sie. In der Elbaue, im kleinen Dorf Düßnitz, endete die Reise. Ihren endgültigen Wohnort fanden die Schmoldts Jahre später in Prettin. „Wir haben hier ein neues Zuhause gefunden und sind dafür dankbar. Doch unsere Heimat ist dort, wo wir geboren sind“, bekundet Erna Schmoldt.
Verständnis für die stete Wehmut und die stille Trauer fanden die Vertriebenen über viele Jahrzehnte lang kaum. In Ostdeutschland durften sie sich lediglich als Umsiedler bezeichnen. Erst nach der politischen Wende wurde das Schicksal der Vertriebenen auch hier anerkannt.
Im Jahr 2009 stießen Erna Schmoldt und ihre Mitstreiter dennoch auf Ablehnung als sie in Prettin ihr Anliegen vorbrachten, einen Gedenkstein errichten zu wollen. Es sollte ein Gedenkort für alle Verstorbenen sein, deren Ruhestätten nicht mehr existieren, aber auch für jene, die zu weit entfernt begraben liegen, als dass man ihre Gräber regelmäßig besuchen könnte.
Flüchtlingsgefühl nie vergessen
Doris Rummert zeigt noch einen anderen Aspekt auf: „Wir haben nicht vergessen, wie man sich als Flüchtling fühlt. Es verletzt die Menschenwürde, wenn man an so vielen Orten nicht willkommen ist. Doch das Drama ist ja längst nicht vorbei. Noch immer löst ein Krieg den anderen ab, und immer noch gibt es überall auf der Erde Flüchtlinge. Keiner hat das Recht, einen anderen Menschen, der in Not ist, zu verachten. Unser Gedenkstein soll deshalb auch alle Lebenden mahnen, den Heimatlosen menschlich zu begegnen.“
Es sollten noch zweieinhalb Jahre vergehen, bis die Stele am 13. November 2011, es war der Volkstrauertag, auf dem kirchlichen Friedhof in Prettin feierlich enthüllt werden konnte. Dafür hatten sich auch der Bundestagsabgeordnete Ulrich Petzold und der Landtagsabgeordnete Siegfried Borgwart (beide CDU) eingesetzt. Petzold erinnert sich: „Wir haben mit dem Gemeindekirchenrat sehr intensive Gespräche geführt.“ Die Betroffenheit über die bisherige Konfrontation sei auf beiden Seiten spürbar gewesen. „Letztendlich wollten jedoch alle das Gleiche, nur die Befindlichkeiten waren – auch in Hinblick auf die Nähe der Lichtenburg und ihrer KZ-Geschichte – etwas unterschiedlich gelagert.“ Schließlich gab es einen Konsens, der im Text auf dem Gedenkstein seinen Ausdruck findet. Petzold sagt: „Es steht uns gut zu Gesicht anzuerkennen, dass die Vertriebenen, als Teil unserer Bevölkerung, nach Kriegsende Lasten auf sich genommen haben, für die das ganze deutsche Volk Verantwortung trägt.“ Petzold, der auch in der Deutschen Kriegsgräberfürsorge tätig ist, weist auf eine für ihn sehr aktuelle Bedeutung hin: „Das ist keine rückwärts gerichtete Sache. Für mich ist diese Vertreibung auch eine Mahnung an Europa. Die Charta der Vertriebenen zeigt eindeutig, dass es bei allem Streit um Solidarzuschlag, Griechenland und Eurokrise nichts bringt, gegeneinander zu agieren. Nur miteinander haben wir in Europa eine Zukunft.“
Erna Schmoldt sieht den Beweis dafür vor Augen, wenn sie alljährlich in ihre Heimat reist. Rachegedanken habe sie nie gehegt. „Unrecht ist auf beiden Seiten geschehen, und mit Staunen bemerke ich, wie viel sich in Polen getan hat. Die Vertreibung wird neu bewertet. Das ist versöhnlich. Mir scheint sogar, die Polen tun da noch etwas mehr als die Deutschen. Wenn ich in meinem Heimatort bin, erlebe ich große Herzlichkeit.“
Kürzlich hat sich die Prettiner Runde, die den Gedenkstein initiiert hatte, noch einmal getroffen, um auch alle formellen und bürokratischen Dinge abzuschließen, die damit zusammenhängen. Denn die Stele wurde ausschließlich aus privaten Mitteln und aus Spenden finanziert. Erna Schmoldt erfährt in diesem Kreis ein großes Dankeschön für ihr außerordentliches Engagement. Die rüstige Dame wehrt ab: „Daran sind wir alle beteiligt. So einen Ort des Gedenkens haben wir uns immer gewünscht. Ich sehe darin nicht mehr das Ankommen, sondern das Aufgenommen sein in den Kreis der Prettiner.“ Sie beschreibt: „Gegenüber des Gedenksteines hat Horst Rehahn die alten Grabsteine der Einheimischen aufgestellt – in Absprache mit Pfarrer Hans-Jörg Heinze. Somit wird keiner vergessen.“
Im Bund der Vertriebenen
Rehahn, dessen Eltern und Verwandte aus dem Freistaat Danzig, aus West- und Ostpreußen kamen, hat seine ganz eigene Motivation für sein Wirken. Seit Jahren arbeitet er im Bund der Vertriebenen (BDV) in Torgau mit. „Die Vergangenheit war bitter, doch wir wollen auch das Schöne bewahren. Die lustigen Geschichten und die Bräuche aus der Heimat unserer Vorfahren sollen nicht vergessen werden.“ Wenn er gefragt wird, wozu das gut sein soll, antwortet Rehahn: „Ganz einfach: Wenn ich spüren will, wohin ich im Leben gehen soll, muss ich wissen, woher ich komme.“
