Forum in Kremitz Forum in Kremitz: Ehre den DDR-Traktor Famulus

Kremitz/MZ - 30 Traktoren der Baureihe Famulus (lat. Gehilfe) und einige Vorgängertypen haben am Wochenende auf dem Lanz-Bulldog-Hof in Kremitz für Aufmerksamkeit gesorgt. Gastgeber Gerd Edlich veranstaltete das erste Famulus-Forum. Aus Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen waren etwa 70 Interessierte seiner Einladung gefolgt. Immerhin wurde genau vor 50 Jahren, im Jahr 1964, das letzte Modell des Famulus im damaligen VEB IFA Schlepperwerk Nordhausen produziert. „Wir wollen diese Technik, die unsere Landwirtschaft maßgeblich geprägt hat, würdigen. Wir möchten damit auch den damaligen Ingenieuren und Arbeitern, die den Famulus hergestellt haben, unseren Respekt erweisen“, bekundet Gerd Edlich.
„Dass jemand den Jahrestag zum Anlass nimmt, um an die Geschichte dieses legendären Schleppers zu erinnern, ist einfach phänomenal“, bekennt Kurt Bierwisch. Er ist sichtlich beeindruckt von dem, was er in Kremitz, das er nur über Umwege gefunden hat, erlebt. Mit Heiner Voigt und Klaus Weise war Bierwisch aus Nordhausen angereist. Die drei Männer gehören zu jenen früheren IFA-Mitarbeitern, die 2007 den Verein „IFA-Museum Nordhausen am Harz“ gemeinsam mit technikbegeisterten Geschäftsleuten gründeten.
Lanz-Bulldog-Hof wird zum Kinosaal
Edlichs große Scheune auf dem Lanz-Bulldog-Hof wird zum Kinosaal. Norbert Walther aus Holzdorf zeigt landwirtschaftliche Fotos aus den 1950er und 1960er Jahren. Ein Bild, auf dem einige Anwesende bekannte Gesichter erkennen, erinnert an die MTS (Maschinen-Traktoren-Station) in Löben. Dann verfolgen alle Forum-Teilnehmer eine eindrucksvoll gestaltete Dokumentation über den IFA-Industriestandort Nordhausen – von seiner Gründung 1905 bis zur Schließung 1997. Der Film gelangt sonst nur im dortigen Museum zur Aufführung und zeigt, welche Ingenieurleistungen in Nordhausen umgesetzt wurden. Er verdeutlicht jedoch auch, welchen Druck die jeweiligen politischen Machthaber auf die Beschäftigten ausübten.
Letztlich war die Entwicklung des Famulus – nach den Trecker-Modellen „Brockenhexe“, „Pionier“, „Typ Harz“ und RS 04/30 - eine Folge der Bodenreform in Ostdeutschland. Im Zuge der 1945/46 erfolgten Enteignung von Großgrundbesitzern entstand eine Vielzahl von Kleinbauern. Weil ihnen die nötige Landtechnik fehlte, wurden um 1949 – zeitgleich mit der Gründung der DDR – sogenannte MAS (Maschinen-Ausleihstationen) gegründet, die später als MTS firmierten. In der Broschüre „Die 100-jährige Geschichte des IFA-Industrieparks Nordhausen“ (erhältlich im dortigen Museum) wird diese Entwicklung wiedergegeben: „Mit dem Famulus gelang 1956 den Nordhäuser Schlepperwerkern auf Anhieb ein moderner Allzwecktraktor mit Dreipunktaufhängung und Hydraulik, der den Anforderungen seiner Zeit vollauf Rechnung trug.“ Bis 1965 wurde dieses Modell unter verschiedenen Typenbezeichnungen (RS 14/30, RS 14/46, RS 14/36, RT 315 und RT 325) weiterentwickelt und dabei auch die Motorleistung gesteigert: von 30 auf 36 PS bei der luftgekühlten und auf 40 PS bei der wassergekühlten Variante. „Bis 1965 wurden insgesamt 37 857 Traktoren dieser Baureihe in Nordhausen ausgeliefert. Mehr als 6 000 Stück gingen sogar ins nichtsozialistische Ausland“, weiß Kurt Bierwisch.
Manche fuhren bis zur Wende
Der Famulus war über die gesamte Zeit der DDR-Landwirtschaft hinweg bedeutsam. Manch einer leistete sogar noch bis zur Wende zuverlässig seine Dienste auf LPG-Feldern. Das Schicksal einiger weniger Exemplare spiegelt sich in jenen Famulus-Modellen wider, die in Kremitz zu sehen waren: Sie wurden von Enthusiasten vor der Verschrottung gerettet, die meisten sind noch fahrbereit.
An dem Modell, auf dem Max Krüger aus Neuerstadt nach Kremitz gefahren kam, ist eine Kartoffellegemaschine angebaut. „Mein Famulus ist genau 50 Jahre alt, war bereits Schrott, als ich ihn bekam. Jahrelang hatte er im Schilf gestanden. Ich habe ihn wieder aufgebaut“, berichtet er stolz.
Norbert Walter erinnert sich: „Als Steppke saß ich auf dem Kotflügel des Famulus. Fortan habe ich ihn lieben und hassen gelernt: zum einen, weil es harte Arbeit war, mit ihm beispielsweise die Maissilage einzubringen oder den Elsterdamm zu mähen. Zum anderen, weil er uns zuverlässig gedient hat und er damit seinem Namen vollauf gerecht wurde.“
